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Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Wittgenstein - Ein passionierter Geist

NÖ MuseenAusstellungen und Veranstaltungen

Vor 70 Jahren starb mit Ludwig Josef Johann Wittgenstein (* 1889 in Wien; † 1951 in Cambridge) einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und Verfasser des "Tractatus Logico-Philosophicus". Heute zählt seine vor 100 Jahren publizierte Schrift zu den wichtigsten philosophischen Werken.

Wittgenstein revolutionierte die Philosophie, kämpfte im Ersten Weltkrieg mit schockierendem Mut, inspirierte eine Vielzahl von Erinnerungen bei Menschen, die ihn nur flüchtig kannten – und unterrichtete sechs Jahre lang an verschiedenen Volkschulen in den Bergen des ländlichen Niederösterreichs.

Jeder Philosophiestudent muss irgendwann die Standardfrage beantworten: "Was wirst du tun, unterrichten?" Es ist besonders frustrierend, wenn man feststellt, dass das Unterrichten für jemanden mit einer humanistischen Neigung und einem Desinteresse an weltlichen Dingen eine ziemlich gute Berufswahl ist.

"Ich bin Grundschullehrer in einem kleinen Dorf namens Trattenbach"

Diesen Satz schrieb Wittgenstein am 23. Oktober 1921 an seinen Freund und Lehrer Bertrand Russell am Trinity College in Cambridge. Nach der Vollendung seines ersten Hauptwerkes – dem „Tractatus Logico-Philosophicus“ – 1918, geprägt von Krieg und Kriegsgefangenschaft, wollte sich Wittgenstein von vielem lösen, zuvorderst von der Philosophie. Geprägt von den Erlebnissen dieser globalen Katastrophe stürzte der hochsensible Geist in eine Lebenskrise und suchte nach innerer Einkehr, Beständigkeit und Klarheit in einer bescheiden sinnvollen Tätigkeit. Viele Berichte werfen ein Bild von Wittgenstein als vorbildlichen Lehrer, der sich unglaublich für das Wohl seiner Schülerinnen und Schüler einsetzte. Gemeinsam entwarfen sie Dampfmaschinen und bauten Modelle, sezierten Tiere, untersuchten Dinge unter dem Mikroskop, lasen Literatur, lernten die Sternbilder und unternahmen Reisen nach Wien, wo sie in der Schule von seiner Schwester Hermine logierten. An der Volksschule in Trattenbach, die heute seinen Namen trägt, lehrte er von 1920 bis 1922.

Wittgensteins Welt

Am Ort seiner Tätigkeit erinnert heute ein kleines Museum in einem weiß getünchten denkmalgeschützten Gebäude, dem sogenannten „Schachnerstüberl“, das zu jener Zeit als Nebengebäude zum Wirtshaus gehörte. Hier hatte sich Wittgenstein in einem kleinen Zimmer einquartiert. Heute präsentiert hier das  Wittgensteinmuseum in drei Räumen mit der Dauerausstellung „Wittgenstein und Trattenbach“ eine zeithistorische Dokumentation über Wittgenstein und die Ortsgeschichte jener Zeit. In Kirchberg am Wechsel begründete die Ludwig Wittgenstein-Gesellschaft eine Dokumentation zur Person, die heute als Präsentation Ludwig Wittgenstein - Wirklichkeit und Mythos in der "Galerie" im Gemeindehaus zu sehen ist. Hier können persönliche Erinnerungsstücke, Schautafeln und Modelle zum Angreifen und Begreifen mancher seiner philosophischen Sätze sowie Bücher von und über Ludwig Wittgenstein bestaunt werden. Seit 1976 wird von der Ludwig Wittgenstein-Gesellschaft in Kirchbach am Wechsel jährlich das „Internationale Wittgenstein-Symposium“ mit dem Ziel der Untersuchung, Überlieferung und Verbreitung von Wittgensteins philosophischem Werk veranstaltet. Auf dem Wittgenstein - Erlebnisweg Trattenbach kann man auf einem 4,5 km langen Rundwanderweg das Leben und Werk Wittgensteins sowie die Geschichte Trattenbachs kennenlernen. Für ein wanderfreudiges Philosophieren ist der Lehrpfad mit Tafeln von Auszügen aus dem "Tractatus Logico-Philosophicus" gesäumt und führt vom Dorfzentrum über sechs Stationen. Ein Teil des Weges geht dort entlang, wo Wittgenstein zur „Traht-Bäurin“ zum Essen oder Milchholen gegangen ist.

Und wer sich nach wie vor digital bewegen will, kann in der Online-Schau "Ludwig Wittgenstein: Ein leidenschaftlicher Denker" Fotos, Briefe und Manuskripte des Philosophen aus dem in der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrten Teil des Nachlasses bestaunen, die seit 2017 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehören.

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."

Die seelische Unausgewogenheit des Philosophen und seine Entscheidung, sich in Niederösterreich zurückzuziehen, indem er sich in Trattenbach – in den Bergen, in einem kleinen Raum – der geistigen Welt entzieht, führt ihn in eine innere Einkehr. Hier sucht Wittgenstein aber nicht so sehr den üblichen Ausweg, sondern jenen eines Eintritts: des Eintritts in die Realität ... die Philosophie wird hier in der Ausführung eines isolierten Lebens gelöst. Eine Reise in die Einfachheit, die einlädt, die Komplexität der Gegenwart nicht zu verbergen, sondern die verheerenden Verzerrungen von Existenzen unverändert zu lassen, die in falschen Bedürfnissen und Konventionen gefangen sind.

 

Text: Fabio Gianesi