DE
Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Gut behütet… 600 Jahre Hiataeinzug in Perchtoldsdorf

Alle ArtikelAusstellungen und Veranstaltungen

Perchtoldsdorf genießt traditionell hohe Bekanntheits- und Sympathiewerte – zum einen durch den markanten Wehrturm und den historisch bedeutenden Marktplatz, zum anderen durch seine Wein- und Heurigenkultur.
Direkt an der Südgrenze Wiens gelegen, scheint der Ort allerdings von der Großstadt zunehmend aufgesogen und durch urbane Zuzügler*innen in Besitz genommen zu werden. Doch ähnlich wie im berühmten gallischen Dorf, das den römischen Garnisonen trotzt, halten sich hier beharrlich überlieferte Bräuche, Rituale und gemeinschaftliche Feste.

Lässt sich das alles dem Zaubertrank Wein zuschreiben? Welches Geheimnis steckt hinter einer derart erfolgreichen Weitergabe von kulturellem Erbe? Am Beispiel des Hiataeinzugs, dem Erntedankfest der Weinhüter, „Hiata“ genannt, gehen wir diesen Fragen nach.

Ein heiliger Augenblick

Der Hiataeinzug ist unzweifelhaft der Höhepunkt des Perchtoldsdorfer Weinhauerjahres. Hunderte Menschen versammeln sich immer am ersten Sonntag nach dem Fest des Heiligen Leonhard, dem 6. November, am Marktplatz, um mit den Weinhauern und ihren Familien Erntedank zu feiern. Der mächtige, farbenfrohe Festzug mit geschmückten Pferden und der Blaskapelle voraus wird mit Spannung erwartet.

Schafft es der diesjährige Träger der Erntekrone, der „Pritsch’ntrager“, mit seiner schweren Last bis zur Kirche?
Angefeuert von den Juchizern und dem durchdringenden Kirren der nachfolgenden Hiata liegt die ganze Aufmerksamkeit auf ihm. Und ihm gehört schließlich auch die ganze Ehre, wenn das Meisterstück gelingt und die 80 Kilo schwere Pritsch’n in die übervolle Kirche getragen werden kann. Erschöpfung und Erlösung, Dankbarkeit und Demut liegen bei der Bitte um Gottes Segen spürbar in der Luft.
Das gute Ende eines von Bangen und Hoffen getragenen, wetterabhängigen Arbeitsjahres.

Die Wurzeln

Der Hiataeinzug beruht auf der christlichen Danksagung der seinerzeit allerorten in den Weinbergen tätigen Weinhüter. Sie hatten die mitunter gefährliche Aufgabe, das Lesegut in der Reifezeit vor Diebstahl und Wildschaden zu beschützen. Ein Weinhauer, der „Hiatavoda“, hatte für sie im Schadensfall zu bürgen. Nach einer erfolgreichen „Huatzeit“ beendeten die Hiata ihre Arbeit mit einem Gottesdienst und dem Festmahl beim Hiatavoda. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts verlor die Aufsichtsfunktion der Hiata nach und nach an Bedeutung, sie gerieten beinahe überall in Vergessenheit. Nicht so in Perchtoldsdorf.

Hiatabuam riegelts euch…

Immer am letzten Samstag im August schlüpfen etwa 20 Burschen aus dem Hauerstand in ihre blauen Spenzer, die Huatzeit beginnt und damit die Vorbereitungen für das große Fest. An erster Stelle steht die Vergabe der Hauptfunktionen: Standartenträger, Oberhiata, Pritsch’ntrager, Kredenz- und Körberlmadeln und schließlich das Amt des Hiatavodas. Alle diese Aufgaben können nur einmal im Leben übernommen werden, sie sind altersabhängig und sehr begehrt. Es obliegt der Jugend, hier mit Gespür und Diplomatie die richtige Reihenfolge einzuhalten. So behüten die Hiata heute zwar nicht mehr die Weinberge, aber auf jeden Fall den ordnungsgemäßen Ablauf des Festes – eine große Aufgabe für hitzige jugendliche Gemüter und eine wunderbare Übung für demokratische Abstimmung.

 

Wenn sie ihre Wahl getroffen haben, stecken sie sich wie seinerzeit ihre Vorgänger, die Weinhüter, glänzende Abzeichen an und gehen nun als deklarierte Hiata den von ihnen auserkorenen Hiatavoda „anreden“. Er wird sie mit allen Mitwirkenden schließlich am Festsonntag gemeinsam mit seiner Frau, der „Hiatamuada“, zum Essen einladen und bleibt ihr Ansprechpartner aus der älteren Generation für die kommenden Wochen. Bis zum Hiataeinzug wachsen sie jährlich von neuem zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen, jedes Jahr steht unter der Prägung der jeweiligen Führungspersönlichkeiten.

Es wird gemeinsam gefeiert, allerhand Schabernack getrieben, Sturm und Wein aus den verschiedenen Kellern werden verkostet und immer wieder Geschichten erzählt. Von den Hiataeinzügen, die man selbst erlebt hat, von kleinen und größeren Pannen beim Pritsch’ntragen, von den besten Gstanzln, an die man sich erinnert… Das Gstanzlsingen ist das unterhaltsame jährliche Rügegericht der Hiata. Am Festtag erklingen am Marktplatz beim Ausschenken von Freiwein zahlreiche Vierzeiler, von den Burschen selbst getextet und gesungen, über Politik und Weltgeschehen im Allgemeinen, aber vor allem über lokale Ereignisse, Beziehungen und kleine Geheimnisse, die mit einer Portion Witz und Bosheit öffentlich gemacht werden. Ein altes Gstanzl, das seine Gültigkeit bewahrt hat, gehört zum Standardrepertoire und eröffnet jedes Gstanzlsingen:

Aber Hiatabuam, riegelts euch
und seids net fad,
wer waß, wer aufs Joahr
zu Leonhardi no draht!

Ein „Haus des Weines“ zum großen Jubiläum

Und wie war das mit dem Zaubertrank? Der Wein ist unverzichtbarer Bestandteil und ständiger Begleiter des gesellschaftlichen Lebens in Perchtoldsdorf. Sein Wachsen und Werden findet für alle sichtbar in den umliegenden Weingärten statt, er prägt seit Jahrhunderten das Landschafts- und Ortsbild und sorgt nach wie vor für das wirtschaftliche Auskommen der alteingesessenen Weinhauerfamilien. Dennoch nimmt das Wissen um die vielfältigen Aufgaben der Hauer, das Verständnis für ihre Anforderungen als Land- und Heurigenwirte sowie für ihre lebendige Überlieferung im urbanen Umfeld ab.

Mit der Eintragung des Hiataeinzugs in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes im Jahr 2010 änderten sich sowohl die öffentliche Wahrnehmung als auch das Bewusstsein der Akteure. Mit Staunen hörten viele erstmals vom vermutlich ältesten und  größten traditionellen Erntedankfest Österreichs vor den Toren Wiens!

600 Jahre ... und kein bisschen leise!

Das 600jährige Jubiläum des Hiataeinzugs bietet heuer einen willkommenen Anlass, sich dem Thema Weinbau und Tradition in Perchtoldsdorf intensiver zu widmen. Die Entscheidung der Marktgemeinde, das geschichtsträchtige Alte Rathaus am Marktplatz unter dem Titel „Haus des Weines“ neu zu beleben, eröffnet ab Ende Oktober 2022 erfreuliche Perspektiven in der künftigen Vermittlung der kulturellen und wirtschaftlichen Dimension des Weinbaus für Pfarre und Ort Perchtoldsdorf. Spezielles Augenmerk soll dabei auf der inneren und äußeren Wirkung des Zusammenhalts der hiesigen Weinhauerschaft liegen. Selbst erleben können sie diesen am 6. November beim Hiataeinzug 2022: Herzlich willkommen!

Nähere Informationen unter www.hiataeinzug.at

Text: Prof. Mag.a Maria Walcher