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Beschwerdebrief

Beschwerdebrief eines Schulgehilfen 1839 Ob in früheren Zeiten der Rabensburger Schule Unrecht geschah, wenn gesagt wurde, sie sei eine sehr mittelmäßige Schule, weiß ich nicht, aber jetzt würde man sehr unrecht tun, wollte man von ihr dasselbe sagen. Die Bemühungen des gnädigen Herren Pfarrers und des hochw.Herrn Katecheten sind von der Art, daß man an der gänzlichen Verbesserung der Rbg.Schule nicht mehr zweifeln darf. Warum dieses aber, trotz dem rast- losen Bestreben des hiesigen Pfarrers und des hochw.Katecheten bis jetzt nicht geschah, ist der Schullehrer allein schuld. Nicht genug, daß er selbst in der Schule nichts leistet, geht sein Bemühen dahin, in dieBehandlungsweise der Kinder von seiner Seite, ist von der Art, daß auch das Gute, welches andere stiften wollen nicht fruchtbringend wird Besonders muß ich jetzt auf diese Art von ihm vieles leiden. Ich glaube, Heiterkeit ist immer etwas Vorzügliches welches den Lehrer den Unterricht erleichtert; und wie konnte ich meine Lehrstunden mit heiterem Gemüte anfangen, wenn ich auf alle nur mögliche Art mir dasselbst zu nutznießen suchte. Schon sein Eintritt in die Schule, wo er mit den deutschen Schülern das Lesen vornimmt, ist von der Art, daß er nicht nur mir, sondern auch den Kindern alle Lust zum freien Arbeiten und Aufmerken nimmt. Kaum ist er in dem Lehrzimmer, so fängt das Lesen, ohne alle Vorbereitung, ohne Aufmunterung zum Fleiße und Aufmerksamkeit an; dabei lärmt und schreit er die ganze Lehrstunde über das, was vorigen Tages irgendwo vorgefallen ist, Schimpfreden, rohe Ausdrücke, nicht selten Anspielungen auf mich selbst, halfen die Lehrstunde recht zerstreut machen. Auf diese Art wurden die Kinder durch den Schullehrer gewöhnt, schon in der ersten Stunde des Unterrichts unordentlich und unachtsam zu seien. Ich mußte dann die folgende Zeit bloß dazu verwenden, die Kinder in der Ruhe zu erhalten. Während diese Unordnung während der ersten Stunde des Unterrichts vorgeht, lesen unter meiner Aufsicht die Böhmen.doch die Gewißheit, daß es um die Aufmerksamkeit für die ganze Unterrichtzeit meiner Schüler geschehen, und das bloß die unzweckmäßige Behandlung der Kinder von Seite des Schullehrers daran schuld sei, macht, daß jede Freude den Kindern nützlich zu werden, seine frohe heitere Stimmung, die das Schwere des Unterrichts so sehr erleichtert, gänzlich aus meinem Herzen schwindet. Folgendes soll als Beweis dienen: Der Schullehrer kommt nicht pünktlich alle Tage in die Schule, ja es gibt Zeiten, wo er oft 3 bis 4 Wochen gar nicht kommt, ob aber ihn immer die Geschäfte daran hindern, oder ob auch er manchmal comode ist, will ich nicht bestimmen. Wenn ich also weiß, er kommt nicht, so bete ich mit den Kindern, sage ich nehmet eure Lesebücher heraus, überleset auch in der größten Stille eure Aufgaben, gewöhnt euch langsam an eure Zeichen zum Auf diese Art, durch 4 Jahre behandelt worden. Wollte ich Trost in meine so ging ich zum Herrn Pfarrer, erzählte ihm mein Leiden u anderen lesen. Ich will euch dann nochmals vorlesen, und will dann sehen, wie ihr fleißig ward. Natürlich die Kinder brummen genug dabei, aber ein Wort in der Güte, und alles ist ruhig. Nachdem die Deutschen so unterrichtet sind, lesen die Böhmen unter ähnlichen Aufmunterungen fort. Endlich kommt die Seite an die Deutschen, wo auch mehrere Böhmen mitlesen. Nachdem ich ihnen das zu lesende Stück musterhaft vorgelesen habe, frage ich, wer aus euch meine Kinder kann auch so lesen, wie ich gelesen habe. Und fast alle geben durch Aufhebung der Hand Zeichen, daß jeder von ihnen den Willen dazu hätte. Die Besseren lesen zuerst, dann die Schwächeren. Zu End des Lesestück, wird ermahnt, gelobt und auch gestraft. So vergeht meine Lesestunde, ich und meine Kinder bleiben heiter, mit Freude geben sie in der folgenden Stunden acht, und die Stunden vergehen, ohne es zu merken. Jetzt will ich noch in der Kürze zeigen, welchen Eindruck wenn ich alles vorbereitet habe, das unerwartete und auch unerwünschte Erscheinen des Herren Schullehrers macht. Kaum tritt er ein, so fängt auch schon die Unruhe an. Und nicht einmal hörte ich es, wie die Kinder sagten: Jezt kommt er, gerade haben wir ihn gebraucht zum Lärmen und Scherzen. So wie er sich hier als Feind einer guten Schutzmacht zeigt, so unterdrückt er auch das Emporkommen der Kirchenmusik. Ich hatte oftmals 7 bis 8 Sänger angenommen und ehe 4 Wochen vergingen, hatte ich kaum 3. Fragte ich, Kinder warum bleibt ihr aus, so war die Antwort: der Schullehrer oder Frau Schullehrerin oder auch die Hausleute lachen uns aus, sie sagen, wir singen wie die Katzen. Selbst jetzt, da ich trotz allen Schwierigkeiten 3 Sänger ziemlich weit gebracht habe, geben sie nicht Ruhe. Ihr und euer Lehrer könnts alle nichts. Die Messesinger scheun die Katzen auf dem Dache u.s.w.diese und derlei Rede bringt mir sehr oft der Knabe, der die Violine aus dem Zimmer holt. So ist sein Benehmen gegen mich in der Schule. Im Hause selbst genieße ich nicht die mindeste Achtung. Ich werde gekränkt, wo es nur immer sein kann. Ich kann öfter keinen Tritt aus dem Schulzimmer machen, ohne nicht die Worte JUD, KERL und anderenSchimpfnamen hören zu müssen. Ja selbst vor den Schulkindern rufen sie. Wo geht der Jud hin, schauts den Rabiner an, dann wurde aus. vollem Halse gelacht vor Freude,mich gekränkt zu haben. Statt mich in Schutz zu nehmen, wenn mir Unrecht geschehen sollte, hetzt er die Leute noch mehr wider mich auf. Wo er nur konnte, verleumdete er mich. Selbst in der Schule. War ich bei einem Kranken, so konnte ich versichert sein, daß mir die Kinder erzählen werden was Herr Schullehrer über mich ge- schimpft hat. Kam eine Mutter zu mir um sich zu beklagen, daß ihrem Kinde Unrecht geschah, so wurde sie erstlich ins Zimmer genommen und ihr gesagt: Ich lerne nicht gut, ich kann selbst nichts, die Mutter soll mich nur ausmachen, ich werde so nicht mehr lange in Rabensburg bleiben, habe darum in der Schule auch nichts zu befehlen. Auch in den Häusern wo er hinkam, und vorzüglich bei der jährlichen Berichtbeschreibung, gab er sich alle Mühe, mein Ansehen zu untergraben. Er sagte sein Sohn Anton müßte anderes lernen, wenn er hier Gehilfe wäre. So und auf ähnliche Art wurde mein Leben schon immer gekränkt. Ob aber die Kinder im Lernen weiterkommen, ob einige im Lernen zurück bleiben, zu welchen Gegenständen die meisten schwach sind, wie dem auch abzuhelfen sei, um das bekümmert er sich nie, aber mich auf die nieder- trächtigste Art zu verleumden, das schien seine Hauptsache zu sein. Daß nicht einmal der gnädige Herr Pfarrer und Hochw. Katechet der Schmähungen unserer Hausleute sicher waren, will ich folgendes erzählen. Vorigen Jahres, als die Stägigen Herbstferien zu Ende waren, kommen die Kinder am 1.Schultag in die Kirche zusammen. Es wurde ein Hochamt und Veni Sole Spiritu abgehalten. Nach diesem kamen die Kinder beider Klassen in der Schule zusammen. Da wurde ihnen in Gegenwart des Herrn Pfarrers und Katecheten, wie auch in Gegenwart des Schulaufsehers (der Schullehrer war nicht zugegen) die Schulgesetze vorgelesen und vom Herrn Pfarrer selbst erklärt. Nach diesem wurden die Kinder entlassen mit der Mahnung, ja recht fleißig in die Schule zu kommen. Auch sagte der Herr Pfarrer:" Kinder! Heute Nachmittag habt ihr noch keine Schule." Ich kam gegen½ 12 Uhr Mittag nach Hause. Wir hatten was sonst nicht leicht geschah, abgegessen. Ich hörte einige Kinder in dem Lehrzimmer, ich ging hinein, und wäre es dafür gestanden, ich hätte sie unterrichtet, allein es waren ihrer höchstens 10 und die hieß ich nach Hause gehen. Mit einmal springt der Sohn des Schullehrers, Johann, von Profession ein Schuster, in die Schule, haut mit der Faust auf die Bänke und schreit mit ungeheurem Lärm:"Heute wird Schule gehalten. Mein Vater ist Herr, der hat zu befehlen, ich scheiß auf den Pfarrer!" und sagt,,die Pfaffen sollten mich im ,,A" lecken, und wenn mein Vater nicht da ist, so bin ich hier, und ich befehle, daß heute Schule gehalten werden muß." Dabei lärmte und schimpfte er so, daß die Leute in der Gasse zusammen liefen. Ich selbst, um nicht vielleicht von ihm gerüget zu werden, mußte, da er mir unter bestän- digem Schlagen auf die Bank, immer näher kam, in der größten Eile meine Mütze nehmen und nachdem ich den Schülern sagte, geht Kinder ge- schwind nach Haus, oder im Pfarrhof Schutz suchen. Ich habe dort zu Mittag gegessen, habe alles dem Katecheten, sowie später dem Pfarrer erzählt. Seit dieser Zeit hatte die Erbitterung meiner Hausleute gegen mich sehr zugenommen, so zwar, daß die Schullehrer ein, als ich einst in die Küche kam und sie um ein Feuer ersuchte, mit einem zornigem Gesichte auf mich sahen, und mit dem Messer in der Hand mich zu erstechen drohten, wenn ich noch ein Wort zu ihr reden werde. Auf diese und ähnliche Art, bin ich durch 4 Jahre behandelt worden. Wollte ich Trost in meinem Kreuz haben, so ging ich zum Herrn Pfarrer, erzählte ihm mein Leiden und er tröstete mich immer auf eine solche Art, daß ich mit erneuten Kräften mich an mein mühseliges Geschäft machen konnte. Seid geduldig, schweigt, tragt alles mit Ruhe und Gelassenheit, es wird bald anders werden, waren die Worte, mit welchen ich von dem Herrn Pfarrer getröstet worden bin, ich fand wirklich darin Trost. Ich war geduldig, schwieg, ertrug alles mit Ruhe, wartete aber manchmal mit Schmerzen auf den Tag, wo es bald anders werden sollte, denn meine Lage war öfter von der Art, daß ich kaum zu ertragen hoffte, was nur die Bosheit und der Neid des Schullehrers aufbürdete. Dieses ist hier mein schriftliches Bekenntnis. Ich habe durch 4 Jahre jedes Wort bedacht, das ich einst werden sprechen, darum verbürge ich die Wahrheit dessen, was hier geschrieben ist. Rabensburg 8. Juni 1839 Johann Laschmann

Inventarnummer
RSM88
Teilsammlung
Geschichtszimmer (OG)
Schlagworte
Schule|Ausbildung|Bildung
Material
Papier
Breite
47 cm
Teile
2
Technik
geschrieben
Objekttyp
Museumsobjekt

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