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Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Postkarten & Patriotika

Ausstellungen und Veranstaltungen

Bild: “Weihnachten im Felde”, Thomas Riss, Druck, 1915

Es schien so sicher: Der Krieg wird nicht lange andauern.
Spätestens zu Weihnachten sind alle wieder zu Hause bei ihren Familien.
Doch es sollte anders kommen.

Weihnachten – das bedeutet für Viele das Zusammensein mit den Liebsten, Besinnlichkeit, das Singen von traditionellen Liedern und Geschenke unter dem Weihnachtsbaum.

Im Jahr 1914 war das kaum anders, nur dass zu dieser Zeit in Europa Krieg herrschte.
Ein Krieg, von dem anfangs gedacht wurde, er wäre rasch gewonnen.
Niemand ahnte, dass die Soldaten das diesjährige Weihnachtsfest in den Schützengräben begehen würden – geschweige denn, auch die drei darauffolgenden.

Liebesgaben für Soldaten

Zu dieser Jahreszeit litten die Soldaten wohl ganz besonders unter der Trennung von Heimat und Familie. Vermutlich war die Sehnsucht nach Ruhe, Frieden und dem Zusammensein mit den Liebsten groß. Feldpostkarten wurden in Hülle und Fülle verschickt, doch die Heeresverwaltung war sich darüber im Klaren, dass es mehr bedürfen würde, um die mentale Kraft in der Weihnachtszeit zu stärken, wie die folgende Kundmachung belegt, die im Winter 2014 in Österreich veröffentlicht wurde:

„Die herannahende Weihnachtszeit hat in der Bevölkerung den Wunsch gezeitigt, den lieben Angehörigen draußen im Felde die Trennung von der Familie durch Zuwendung der üblichen Weihnachtsgaben weniger fühlbar zu gestalten. Dem allgemeinen Wunsche folgend, hat die Heeresverwaltung in ihrer Fürsorge um das Wohl der kämpfenden Soldaten, ungeachtet der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten einer wirksamen Organisation des Feldpaketverkehrs beschlossen, Feldpostpakete während der Zeit vom 5. Dezember 1914 bis einschließlich 15. Dezember 1914 für den ganzen Truppenbereich (…) zuzulassen.“

Die Pakete von bis zu 5 Kilogramm durften „außer Ausrüstungs- und Bekleidungsgegenständen auch (…) Rauchfleisch, trockene Würste, Salami, Hartkäse, Zwieback, Kakes (Kekse; Anm. d. Red.), Schokolade, Tee, Konserven in Blechdosen (…) Zigarren, Zigaretten und Tabak“ enthalten und mussten in feste Holzkisten verpackt beziehungsweise in Wachsleinwand oder wasserdichte Stoffe eingenäht werden.

Der Versand erfolgte allerdings auf eigene Gefahr „weil die Post, infolge der eigenartigen Verhältnisse auf dem Kriegsschauplatze und der unabwendbaren Fälle der höheren Gewalt weder für das rechtzeitige noch das richtige Anbringen einer Sendung haftbar gemacht werden kann.“ Der Inhalt von Paketen, die nicht zugestellt werden konnten, wurde an den Kriegsschauplätzen vom Abteilungskommando an bedürftige Soldaten übergeben.

Zur Weihnachtszeit wurden auch gesonderte Spendenaufrufe gestartet, die dafür Sorge tragen sollten, dass möglichst viele Soldaten Pakete, sogenannte „Liebesgaben“, bekamen. Dafür wurde eine Vielzahl an Postkarten und Patriotika produziert und unter die Bevölkerung gebracht. Ihre „weihnachtliche“ Gestaltung sollte zeigen, dass Krieg und Weihnachten sehr wohl vereinbar waren.

Weihnachtsfest im Schützengraben

Geschmückte Tannenbäume waren vom Kaiser an die Schützengräben ausgesandt worden. Kerzen wurden entzündet. Die Soldaten begannen, leise Weihnachtslieder zu singen. Da die Schützengräben durch den ungeplanten Stellungskrieg in unmittelbarer Hörweite voneinander lagen, blieb dies nicht lange vor dem Gegner geheim.

Wie viel von den Erzählungen und Mythen rund um den berühmten „Weihnachtsfrieden“ des Jahres 1914 an einigen Abschnitten der West- und Ostfront, besonders aber an den Stellungen in Belgien zwischen Mesen und Nieuwkapelle wirklich der Wahrheit entspricht, ist unklar.

Augenzeugen berichten davon, dass feindliche Soldaten auf die Weihnachtslieder anders reagierten als gedacht: sie stimmten in der jeweiligen Landessprache mit ein. Von einer spontanen Feuerpause ist die Rede, aber auch von der feiertäglichen Verbrüderung mit dem Feind. Der Austausch von Gütern, gemeinsames Essen und Trinken sind durch Fotos und Berichte verbürgt, selbst von einem Fußballspiel am Weihnachtstag zwischen Deutschen, Franzosen und Briten in der Nähe des belgischen Ypern wird berichtet. Mützen markierten die Tore. Währenddessen sammelten andere die gefallenen Kameraden ein.

An den meisten Orten, wo es einen weihnachtlichen Waffenstillstand gab, wurde die Feuerpause am 26. Dezember wieder beendet, an anderen dauerte sie angeblich bis in das nächste Jahr hinein. Von den militärischen Obrigkeiten wurden die Feiern eher als unangenehme Zwischenfälle betrachtet. Beim Weihnachtsfest im Jahr darauf wurden von den Befehlshabern Kriegsgerichtsverfahren angedroht, sollte erneut eine Verbrüderung stattfinden. Zudem wurde das Singen von Weihnachtsliedern verboten – nur zur Sicherheit.

 

Publikation "Der Große Krieg im kleinen Museum"

Alle in diesem Artikel gezeigten Exponate gehören zu der fast vergessenen Sammlung des Kriegsmuseum Retz. Im Rahmen des niederösterreichischen Pilotprojekts „Schätze ins Schaufenster – Qualitätsoffensive Museumsdepots“ (2013-2017) wurden die insgesamt 3.172 Objekte der sogenannten „Kriegssammlung“ inventarisiert.

Mehr aus der Sammlung des Museum Retz können Sie in dem Buch „Der Große Krieg im kleinen Museum. Das Kriegsmuseum Retz (1926-1947)“ entdecken.
Hier finden Sie mehr Informationen zu der Publikation.

Text: Patricia Nekuda
Fotos: Carolina Frank, Helene Schrolmberger / Museum Retz