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Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Blühende Dörfer

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Sie lassen sich noch finden, auch wenn sie in kaum einem Touristenführer vermerkt sind und kein Hinweisschild zu ihnen führt: nahe der österreichischen Grenze im südböhmischen, südmährischen Grenzgebiet gelegen, so nahe, dass ihnen diese Nähe zum Verhängnis geworden ist.

Dörfer, denen man ihre Bewohner genommen hat, Dörfer, die politisch-strategisch nicht mehr ins Siedlungskonzept passten oder die durch die plötzliche Randlage keine attraktiven Lebensvoraussetzungen mehr bieten konnten und sukzessive verlassen wurden.

Aber es gibt sie noch. Manchmal sind es Mauerreste, einige Steinhaufen und hier und da ein Bildstock. Gerade die Vegetation lässt uns die Spuren dieser „verschwundenen“ Orte lesen. Da beginnen im Frühjahr an unvermuteten Stellen veredelte Kirschbäume zu blühen, als wäre es ein stilles, poetisches Jahresfest, zur Erinnerung an das frühere dörfliche Leben, da werden kurze Alleen wieder sichtbar, gibt sich ein Laubbaum inmitten des Fichtenwaldes wieder als Dorflinde zu erkennen.

Silberberg

Fährt man von der Bundesstraße B41, die das Waldviertel mit dem Mühlviertel verbindet, bei Steinbach Richtung Harmanschlag, kann man die Lainsitz entlang Richtung tschechische Grenze fahren. Die schmale Straße endet bei einem leerstehenden Forsthaus. Nur zu Fuß kann man den kurzen Weg Richtung Süden spazieren und steht unvermittelt vor der Staatsgrenze, die hier inmitten eines kleinen Baches verläuft und sich so friedlich und harmlos darstellt, als könnte sie die Unerbittlichkeit von Grenzen vergessen machen.

Kaum über die Steinbrücke gelangt, zeigt sich eine Ebene. Hier befand sich das Dorf Silberberg, das mit der Ortschaft des klingenden Namens Bonaventura ein geschlossenes Siedlungsgebiet bildete. Hier gab es große Gasthöfe, eine Schule, hier wurden Metallerze abgebaut, hier das weltberühmte Hyalithglas des Grafen Buquoy erzeugt. Hier lebten bis zu 900 Menschen, sogar ein aus drei Häusern bestehendes jüdisches Viertel war Teil des Ortes. Nur noch wenige Reste von Häusern am Dorfrand, Mauerstücke, einige Keller, lassen sich im Gebüsch und Wald noch finden - und ein paar Ribiselstauden …

Es ist schwer, sich in dieser Ruhe ein lautes, belebtes Handwerkerdorf vorzustellen. Alte Ansichten an Tafeln bei der kleinen Jausenstation für Wanderer und Radfahrer helfen dabei. Am Rand der Bank liegen kleine Fundstücke, die Besucher am Boden gefunden haben, Glasstücke, Keramikteile der Glasöfen, Zinken von Rechen und Reste bäuerlicher Gerätschaften.

Ausradieren

Freilich darf uns diese ausgebreitete Idylle nicht zur Idyllisierung verleiten. Oder zum Vergessen, warum diese Plätze menschenleer gemacht wurden.

Es war zunächst nicht nur der Grenze zuzuschreiben und es begann auch nicht mit den Kommunisten. Viele heute verschwundene Ortschaften (Hirschenstein, Christinaberg, Schwarzau u. a. m.) sind eine virtuelle Reise im Franziszeischen Kataster wert und befinden sich beiderseits der Grenze. Es waren Holzfällersiedlungen, Glasmacherdörfer oder abgelegene Häusergruppen, die nach dem Rückgang der „(Proto-)Industrialisierung im Waldviertel“, so die Wirtschaftshistorikerin Andrea Komlosy, keine wirtschaftliche Grundlage mehr hatten und aufgegeben wurden.

Die systematische Entleerung der Dörfer erfolgte aber 1945/46 mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bewohner, die vor allem im Grenzgebiet lebten. Hunderttausende Menschen mussten ihre Ortschaften verlassen, ihre Häuser, ihre Felder und Gärten. Die Versuche der ČSSR, diese Dörfer nun mit Neusiedlern wiederzubeleben, um dringend benötigtes Holz und landwirtschaftliche Güter zu erhalten, erwies sich als schwieriges Unterfangen. Für viele Menschen war das Leben in den staatlichen Neubauten bequemer als in abgelegenen Dörfern, denen es oft noch an Strom fehlte und zu denen man keinen familiären Bezug hatte. So setzte der langsame Verfall ein.

Zum „generalstabsmäßigen“ Schleifen von Dörfern kam es, nachdem Österreich den Staatsvertrag erhalten hatte, die russische Besatzung sich zurückzog und so 1955 die Staatsgrenze zur Systemgrenze zwischen Ost und West wurde. Hunderte Siedlungen mussten der Errichtung des Eisernen Vorhangs weichen. Ihren Höhepunkt erreichte die Entsiedelung in den 1960er-Jahren, als die Grenzbefestigung eine immer breitere Zone umfasste.

Wiederbelebung

Doch nicht alle Dörfer entlang der Grenze wurden devastiert, manche einfach vergessen, boten billigsten Wohnraum für arme Familien, wurden anderweitig genutzt. So wie in Maříž/Maires, wo das Schloss für einen Kriegsfilm herhalten musste und kinogerecht zerschossen wurde.

Das Dorf Maříž/Maires nahe Slavonice/Zlabings ist ein gutes Beispiel für mustergültige Renovierung und Wiederbelebung eines Dorfes. Diesmal kam der Zuzug freiwillig und, wie die Kennzeichen der Autos vor den schmucken Häusern verraten, meist aus Prag und Brünn. Aber noch vor den Wochenendhäusern der gehobenen städtischen Mittelklasse haben zunächst die Künstler diese Region für sich entdeckt. Eine Keramikwerkstatt ist aus einer dieser Künstlergruppen entstanden. Die „Häferl“ mit ihrem bunten, fröhlichen Design sind in ganz Tschechien bekannt und finden sich auch in der österreichischen Nachbarregion in manchen Geschirrschränken.

Kein Ende

Das Jahrhundertereignis der Grenzöffnung vor nunmehr 30 Jahren machte für viele eine erstmalige Wiederbegegnung mit den Dörfern ihrer Kindheit und den nun dort lebenden Menschen möglich. Es war eine von beiden Seiten ängstlich erwartete Begegnung, die sich oft positiver gestaltete als befürchtet.

Für manche war es gerade das „Einmal-noch-Sehen“, das Erlösung und Aussöhnung brachte. Viele fanden sich eine Aufgabe und machten sich um die Renovierung von Spuren ihrer eigenen Vergangenheit verdient, die den jetzigen Bewohnern mehr bedeuteten, als die Altsiedler vermutet hätten. So wurden in gemeinsamer Anstrengung auch große Renovierungsarbeiten, wie die der Wallfahrtskirche Dobrá Voda/Maria Brünnl bei Nové Hrady/Gratzen erfolgreich bewältigt.

Manche Orte wurden so in den letzten Jahrzehnten wieder zu bewohnten, blühenden Dörfern, anderen bleibt wohl auch in Zukunft nur noch ein stiller Verfall in Würde, ein völliges Aufgehen in der Natur. Letztere stellen den stimmigsten, poetischsten Raum dar, der sich vorstellen lässt für ein Gedenken an die Sehnsucht des Menschen nach Zusammenleben und eine Erinnerung an den Untergang, der der Vernichtung von Übergängen unweigerlich folgt. Auch diese Plätze sind – wenn auch in einem anderen, ganz besonderen Sinn – blühende Dörfer.

Weiterführende Informationen

Hanns Haas: Verfeindete Brüder an der Grenze: Böhmen/Mähren/Niederösterreich. Die Zerstörung der Lebenseinheit „Grenze“ 1938 bis 1948 (Forschungsbericht)

Milan Koželuh: Spuren der Erinnerung im Gratzener Hügelland, aus dem Tschechischen übersetzt von Bernhard Schneider, 2010 (Originalausgabe: Novohradské hory 2009 – nezapomenuté stopy).

www.mapire.eu: bietet eine Onlineversion, bei der die historischen Karten mit gegenwärtigen überblendet werden können. So lassen sich einfach verschwundene Plätze finden.

www.AREAacz.eu: Jugendliche erarbeiten im Rahmen es des INTERREG-Projektes I-CULT eine interaktive Karte von Kulturgütern, Museen und Gedenkorten im (ehemaligen) Grenzraum.

Text: Thomas Samhaber