♪ Wilfersdorf: Schulleiter schaffen Melodien für die Welt ♪
Diese digitale Ausstellung ist Teil der Reihe "Orte der Musik". Sie widmet sich der Bedeutung der Wilfersdorfer Schulleiter für die Pflege der örtlichen Musik und stellt einige ihrer bekanntesten Vertreter vor, zeigt Notenbücher und Partituren und lädt zum Schmökern in der Online-Sammlung ein.
Die Marktgemeinde Wilfersdorf ist vor allem für das Schloss der Fürsten von Liechtenstein bekannt. Stöbert man in der Sammlung des Heimatmuseums Wilfersdorf, offenbart sich die große Bedeutung, welche die örtlichen Schulleiter für die niederösterreichische Musikgeschichte einnehmen. Sie waren nicht nur Pädagogen, sondern auch Musiker und Chorleiter und prägten so das musikalische Leben der Region.
Bildung und Musik: eine Tradition seit dem 16. Jahrhundert
Eine Schule in Wilfersdorf ist seit dem Jahr 1565 belegt. 1617 übernahm der Fürst von Liechtenstein die Patronanz; die Anstellung des Schulmeisters erfolgte durch Patron und Pfarrer. Die festgelegten Dienste eines Schulmeisters umfassten neben dem klassischen Unterricht auch Mesnerdienste, die Zehentschreiberei während der Weinlese, das Glocken‑ und Wetterläuten, den Chordienst und die Musik.
Diese Aufgabenfülle begründete die dauerhafte Verbindung von Bildung und Kirchenmusik, die von den Fürsten von Liechtenstein bewusst gefördert wurde. Dank ihrer Erziehung im kunstsinnigen Ausland kannten sie den Wert von Bildung und Musik und führten diese Tradition durch die Gründung einer Schule in Wilfersdorf fort – und trotzen damit dem Widerstand des Pfarrers. Diese Schule wurde auch von Kindern aus Mistelbach besucht, das heute knapp 10 Kilometer entfernt liegt. Musik war stets ein wichtiger, zentraler Bestandteil des Lehrplans.
Wie wurde der Schulmeister für diese vielen Tätigkeiten entlohnt? Nun, die Chronik aus dem Jahr 1779 beispielsweise belegt, dass er vier Metzen Weizen, 15 Metzen Korn, zwei Metzen Kuchlspeis und sechs Fuhren Holz erhielt.
Wir stellen vor: Persönlichkeiten zwischen Schulstube, Chor und Bühne
Anton Haizinger (1796–1869): Auftritte mit Liszt und Beethoven
Anton Haizinger, Sohn des Wilfersdorfer Schulmeisters Johann Paul Haizinger und seiner Frau Klara (geb. Huglin), erhielt schon früh Gesangs‑ und Klavierunterricht beim Vater, der zugleich Chorleiter und Organist war. Als Knabe wirkte er bei kirchenmusikalischen Aufführungen mit und gastierte über diese auch in Nachbarorten. Nach der Lehrerausbildung in Korneuburg (1804) unterstützte er seinen Vater als Schulgehilfe, bevor er 1821 am Theater an der Wien als dramatischer Tenor debütierte und den Schuldienst aufgab.
Um 1822 wechselte er an das Kärntnertortheater; 1823 folgten Gastspiele in Prag und Preßburg (heute Bratislava, SK) und ein Auftritt im Redoutensaal, bei dem der elfjährige Franz Liszt (1811-1886) ein Klavierkonzert gab, während Haizinger in einem Vokalquartett mitwirkte.
Am 7. Mai 1824 sang Haizinger bei der Wiener Erstaufführung von Teilen der „Missa solemnis“ von Ludwig van Beethoven (1770-1827) im Kärntnertortheater, der berühmte Komponist dirigierte selbst. Von 1825 bis 1850 war er großherzoglicher Hof‑ und Kammersänger in Karlsruhe und unternahm erfolgreiche Reisen nach Frankfurt, Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe. Zeitgenossen rühmten den Wohlklang seiner Stimme und den leidenschaftlichen Vortrag.
1827 heiratete Haizinger die Hofschauspielerin Amalie Morstadt, die 1845 ans Wiener Burgtheater wechselte; zu ihrem 50. Geburtstag malte Johann Baptist Reiter ein Porträt, das sich heute im Linzer Schlossmuseum befindet.
Anton Haizinger starb am 31. Dezember 1869 in Karlsruhe.
Jakob Wilhelm Rauscher (1800–1866)
Der 1800 in Wilfersdorf geborene Tenor Jakob Wilhelm Rauscher wurde an die Stuttgarter Hofbühne verpflichtet und feierte in Deutschland große Erfolge. Biographische Einträge gibt es nur wenige: die Wilfersdorfer Taufmatrik verzeichnet seine Taufe im April 1800; verstorben ist er am 17. November 1866 in Stuttgart.
Paul Böhs (1814–1892)
Paul Böhs, geboren 1814 in Kettlasbrunn (heute Katastralgemeinde von Mistelbach), trat am 21. November 1849 das Lehramt in Wilfersdorf an. 1877 wurde er mit 900 fl pensioniert; 1878 erhielt er das Silberne Verdienstkreuz mit der Krone. Böhs galt als belesener, pflichtbewusster Pädagoge, der „sich durch Lectüre stets auf der Höhe der Zeit“ hielt, so die Schulchronik von 1891. Paul Böhs starb am 4. Juli 1892 an einem Gehirnschlag.
Eustachius Wenzel Pimmer (1845–1911): zurück zum Ursprung
Eustachius Wenzel Pimmer, geboren 1845 in Stadlern (Bezirk Prachatitz), absolvierte drei Klassen der Realschule in Budweis (Budvar, CZ) und den zweijährigen Präparandenkurs in Linz. Nach dem Lehrbefähigungszeugnis (1873) folgten Stationen in Oberösterreich; 1878 wurde er zum Oberlehrer in Wilfersdorf ernannt.
1898 führte Pimmer neue, liturgisch korrekte Kirchenlieder im sogenannten cäcilianischen Stil ein, um überlieferte melodische Abweichungen zu beheben und zur älteren, wie man meinte „reineren“ Kirchenmusik zurückzukehren. Für die kirchenmusikalische Pflege bewilligte das Unterrichtsministerium 1894 eine Remuneration von 50 fl; 1903 ernannte ihn die Gemeinde Wilfersdorf als Dank für seine Verdienste zum Ehrenbürger.
Messzusammenstellungen von E.W. Pimmer:
Ludwig Schuster (1870–1958): Wie der Vater, so die Tochter
Ludwig Schuster, geboren am 30. Juli 1870 in Wien-Hernals, kam 1889 als frisch diplomierter Lehramtskandidat nach Wilfersdorf. Er leitete die Schule von 1911 bis 1923 und wurde 1927 als Chormeister genannt. Schuster starb am 6. September 1958 in Wilfersdorf. Seine Tochter Renate Hawelka übergab im Jahr 1985 eine umfangreiche Notensammlung und Objekte an das Heimatmuseum Wilfersdorf. Frau Hawelka erzählte, dass in ihrer Familie immer die Hoffnung bestand, dass im Ort ein Museum entstünde. Mit den Objekten aus der Familiensammlung wurde sowohl die Grundlage für das heutige Heimatmuseum in Wilfersdorf wie auch für die Erforschung der Wilfersdorfer Chormeister gelegt. Diese findet in der digitale Erschließung im DIPkatalog ihre zeitgemäße Fortführung.
Matthias (Mathias) Howurek (1890–1955 / n. a.)
Matthias (Taufname Mathias) Howurek, geboren am 27. November 1890 in Stützenhofen, folgte 1924 als Oberlehrer auf Ludwig Schuster. Er wirkte als Regenschori, also Chordirigent in der katholischen Kirche in Wilfersdorf, als Musik‑Kapellmeister; außerdem war er Leiter der Volksbildungsbibliothek, unterstützte die Gemeindekanzlei und gründete eine Pfadfindergruppe; 1938 endete seine Wilfersdorfer Dienstzeit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg diente Matthias Howurek bis 1955 in Bullendorf, einer Katastralgemeinde von Wilfersdorf, und trat danach in den Ruhestand.
Ein Blick ins historische Fotoalbum:
Nachkriegszeit und Vereinswesen
Ernst Kellermann (1919–1980): Ein Leben für die Musik
Ernst Kellermann, geboren am 1. November 1919 in Gnadendorf (heute Bezirk Mistelbach), absolvierte das Lehrerseminar in Wien-Strebersdorf, wo er 1938 die Reifeprüfung ablegte, und trat noch im selben Jahr seinen Schuldienst im Waldviertler Hirschenwies, heute Katastralgemeinde von Moorbad Harbach, an. Während des Zweiten Weltkriegs war Kellermann als Funker an verschiedenen Kriegsschauplätzen eingesetzt; 1943 geriet er in Tunesien in Gefangenschaft . Doch selbst in der Gefangenschaft blieb er der Musik treu, baute im Lager eine Kapelle auf und schrieb Noten aus dem Gedächtnis nieder. 1946 kehrte Ernst Kellermann, von einer Malariainfektion gesundheitlich gezeichnet, in die Heimat zurück. 1947 wirkte er an der Hauptschule Mistelbach und übernahm am 15. Februar 1948 die Schulleitung der Volksschule Wilfersdorf; am 25. Juli 1948 heiratete er Theresia, mit der er drei Kinder hatte.
Kellermann blieb dem örtlichen Musikgeschehen stark verbunden: Er leitete den Kirchenchor bis zu seinem Tod, bildete zahlreiche Sänger*innen und Instrumentalist*innen aus, spielte selbst fünf Instrumente und gründete 1959 den Musikverein Wilfersdorf und Umgebung, den er in kurzer Zeit bis zur Oberstufenkapelle formte. Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen: 1962 das Große Ehrenzeichen für „eifrige und ersprießliche Tätigkeit in der österreichischen Volksmusik“, 1966 das Goldene Ehrenzeichen für langjährige Treue, 1971 den Ehrenring der Gemeinde Wilfersdorf, 1973 den Ritterorden vom Hl. Silvester, 1976 die Dirigentennadel in Bronze, 1978 die Ehrenmedaille in Gold für 40‑jährige aktive Musikausübung und schließlich 1979 die Silberne Ehrennadel für die Förderung der Volksmusik in Niederösterreich.
Einige bekannte Kompositionen aus der Feder von Ernst Kellermann sollen an dieser Stelle genannt sein: der Walzer „Dorfgeschichten“, die Märsche „Musikanten spielt auf“, „Kleines Vorspiel“, „Musikkameraden“ (Marsch) und „Euch zum Gruß“ sowie die „Festmesse“, eine Suite in vier Sätzen. Ernst Kellermann starb am 30. Jänner 1980.
Keine Lehrer, doch musikalisch verdienstvoll:
Franz Köstinger (1844–1898)
Der in Wilfersdorf geborene Bahnbeamte und Musiker Franz Köstinger war Vorstand des Singvereins und Leitungsmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Als Ehrenchormeister des Chorvereins „Arion“ komponierte er u. a. eine lateinische Messe für Männerchor und Orgel sowie Arrangements von Kärntner Volksliedern; er starb 1898 in Wien.
Otto Krischke (1886–1949): Musikpädagogik und Forschung
Otto Franz Josef Krischke, Sohn des Wilfersdorfer Lehrers Josef Krischke und der Pauline Mayer, wurde 1886 in Wilfersdorf geboren und am 2. Mai getauft; seine Taufe ist in der Matrik dokumentiert (Haus Nr. 154, heutige „Prantl Villa“). 1913 übernahm er im steirischen Knittelfeld die Städtische Musikschule und den kirchenmusikalischen Dienst. Der Erste Weltkrieg unterbrach seine Arbeit, denn im Jahr 1915 wurde er selbst zum Militärdienst einberufen und bald darauf, schwer krank, entlassen.
Trotz anhaltender gesundheitlicher Folgen baute Otto Krischke das Konzert‑ und Musikschulleben nach 1918 neu auf – mit Symphoniekonzerten von Haydn, Beethoven, Schubert, Mozart, Weber, Wagner, Schumann und Bach, mit musikhistorischen Vorträgen und mit dem Aufbau der Lehrkräfte für Hauptfächer wie Klavier, Violine und Blechbläser. Krischke wirkte als Musikpädagoge, Volksliedforscher und Komponist wie etwa von „Lustige Leit, Ledige Leit“. Otto Krischke verstarb 1949 in Graz.
Die Familie Knieschek: Lehrtradition zwischen Wilfersdorf und Hohenau
Die Wilfersdorfer Schulchroniken nennen mehrfach Mitglieder der Familie Knieschek (historisch auch Knischek), deren Laufbahnen die hohe Mobilität des Lehr‑ und Musikpersonals im späten 19. Jahrhundert exemplarisch spiegeln.
Anton Knieschek (Wilfersdorf, 1. November 1874 - 20. November 1882) etwa ist zunächst als Unterlehrer verzeichnet und wurde anschließend zum Oberlehrer in Hohenau an der March ernannt; sein Name erscheint in Notensammlungen und in Festnotizen, etwa bei der Silberhochzeit des Kaiserpaares Franz-Josef und Elisabeth am 24. April 1879 im Kollegium der Lehrpersonen.
Ein Archivvermerk nennt 1876 seine Anstellung als Lehrer der ersten Klasse in Wilfersdorf; am 20. November 1882 endete seine hiesige Dienstleistung mit der Versetzung nach Hohenau an der March. Josef Knieschek wird 1878 im Zusammenhang mit der stillen Überreichung des silbernen Verdienstkreuzes an Oberlehrer Böhs als Lehrperson in Wilfersdorf erwähnt – ein Indiz für enge Verbindung der Familie mit dem lokalen Schul‑ und Musikbetrieb.
Dieser Blogbeitrag zeigt eindrucksvoll, wie viele wertvolle Erkenntnisse in historischen Chroniken verborgen sind. Museen spielen dabei eine zentrale Rolle: Ihre Archive und Sammlungen sind unverzichtbare Quellen für die Erforschung regionaler Geschichte. Ein hervorragendes Beispiel sind die über Generationen gewachsenen Notenbestände des Heimatmuseums Wilfersdorf. Sie geben Einblick in ein lebendiges, professionell organisiertes lokales Musikleben und laden zu vertiefender Forschung ein.
Durch die digitale Inventarisierung im DIPkatalog werden diese Musikbestände dokumentiert, bewahrt und allen Interessierten, ob wissenschaftliche Einrichtungen oder kulturinteressierte Kreise, zur weiteren Recherche unkompliziert zur Verfügung gestellt.
Text: Hans Huysza, Barbara Linke
Informationen und weiterführende Links:
- Heimatmuseum Wilfersdorf
- Liechtensteinmuseum Wilfersdorf
- Ritterorden vom Hl. Silvester (Wikipedia)
- Orte der Musik: Musik in niederösterreichischen Regionalmuseen und Sammlungen
- Schmökern Sie im DIPkatalog und entdecken Sie die niederösterreichischen Sammlungen!

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