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Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Weg der Erinnerung in Neulengbach

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Mehrere Kinder sitzen um einen kleinen Tisch und hören einer erwachsenen Person zu. Der Raum wirkt hell und freundlich. ????️ Bild 7

Die Historikerin Hedy Fohringer ist die treibende Kraft hinter der Entstehung eines neuen Themenwegs durch Neulengbach. "Weg der Erinnerung" heißt er und geht den Spuren der jüdischen Familien der Stadt im Mostviertel nach.
In diesem Beitrag erzählt sie, wie die Idee zu diesem Projekt kam, was bereits umgesetzt ist und welche – im wortwörtlichen Sinne – Schritte für die Zukunft geplant sind.

Gut Ding braucht Weile: Der Weg der Erinnerung in Neulengbach

Das Sprichwort „Gut Ding braucht Weile“ trifft in diesem Fall zu. Vor rund zwanzig Jahren lernte ich Bruno Schwebel und seine Frau Joan Brodovsky kennen. Bruno, der als jüdisches Kind einige Jahre in Neulengbach lebte, besuchte damals seine „alte Heimat“. Auf dem Programm standen unter anderem ein Besuch des Hofes seines Großvaters Moriz Schwebel, Recherchen zu Adressen in Wien sowie ein besonders prägender Besuch der Hauptschule – heute NMS – in Neulengbach. Dort sprach er mit Jugendlichen über die Zeit der Verfolgung und Flucht.

Die Frage eines Schülers ist mir bis heute in Erinnerung: „Hatten Sie denn gar keine Angst? Sie waren ja noch ein Kind, als Sie fliehen mussten!“

Aus dieser Begegnung erwuchs für mich ein Auftrag: Das Wissen um diese Jahre darf nicht in Vergessenheit geraten. Junge Menschen sollen mit diesen Ereignissen konfrontiert, informiert und ermutigt werden, Fragen zu stellen – auch unbequeme!

Das Projekt „Weg der Erinnerung“

Das Projekt widmet sich den Spuren jüdischer Bewohner*innen von Neulengbach zwischen 1900-1938. Ihr Alltag war eng mit dem Leben der Stadt verbunden: Fahrten zur Arbeit nach Wien oder St. Pölten, Schulbesuche in Neulengbach, Freizeit am Laabenbach, Wanderungen auf den Buchberg oder Theateraufführungen im ehemaligen Arbeiterheim von Tausendblum. Besonders hervorzuheben sind die Beiträge von Theodor und Oskar Schwebel, Vater und Onkel von Bruno.

Nach langjähriger Recherche hatte ich endlich die Idee gefunden: ein Erinnerungsweg mit Schautafeln, vergleichbar mit den „Stolpersteinen“. Gemeinsam mit den Schüler*innen der NMS, ihrer Klassenlehrerin und unter meiner historischen Begleitung gestalten wir die Tafeln. Ziel ist es, Erinnerungen sichtbar zu machen und Geschichte lebendig zu halten.

Umsetzung und Ausblick

Das Projekt startete im Mai 2025. Das Ziel im ersten Jahr war die Fertigstellung von zwei Tafeln: eine mit allgemeinen Informationen zur jüdischen Geschichte in Neulengbach, eine weitere zur Familie Schwebel. Die Präsentation erfolgte im Juni im Rathaussaal im Rahmen des Most4-Festival, begleitet von Beiträgen der Klasse 1A und einem musikalischen Rahmenprogramm. Die offizielle Eröffnung des „Weges der Erinnerung“ fand am 4. September 2025 vor dem Alten Rathaus in Neulengbach statt.

Das Projekt selbst ist auf vier Jahre angelegt. Insgesamt entstehen elf Schautafeln:

  • 2025/26: Tafeln zu Dr. Paul Engländer (Lack- und Farbenfabrik), Ignatz und Karoline Holub (Baustoffhandel und Ziegelei), Wilhelm und Stella Kellermann
  • 2026/27: Tafeln zu Hans Ungar (Schiele-Fotograf), Julius Brestian, Dr. Ernst Taussig
  • 2027/28: Tafeln zu Wilhelm Fürchtgott („Schnellschneiderei“), Michael Ornstein und dem Jüdischen Friedhof

Am Ende ihrer Schulzeit haben die beteiligten Schüler*innen nicht nur einen „Weg der Erinnerung“ geschaffen, sondern auch ein bleibendes Zeichen gegen das Vergessen gesetzt. Geschichte lebt, solange sie erzählt wird – und unser Projekt trägt dazu bei, dass die Namen und Geschichten der jüdischen Familien von Neulengbach sichtbar bleiben.

Doch nicht nur Tafeln entstehen, auch eine Kulturvermittlungsreihe begleitet das Projekt. In verschiedenen Workshops steht das aktive Erinnern durch künstlerisches Arbeiten im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema.

Ein solcher Workshop fand am 7. Oktober 2025 mit der Klasse 2A der NMS Neulengbach statt. Unter der künstlerischen Leitung von David und Helga Grossauer sowie meiner historischen Begleitung wurden zwei weitere Schautafeln gestaltet: eine zur Familie Dr. Paul Engländer, Besitzer der „Lack-, Firnis- und Farbenfabrik“ in Ebersberg, eine weitere zur Familie Ignatz und Karoline Holub, Betreiber eines Baustoffhandels und einer Ziegelei („Carl Blaimschein-Ziegel“), Vertrieb von Futtermitteln, darunter auch „Blutfutter“. Nach einer gemeinsamen Einführung konnten die Jugendlichen selbst entscheiden, an welcher Tafel sie mitarbeiten wollten.

Gemeinsam erstellten wir eine Fotowand mit historischen Aufnahmen und Dokumenten. Die Schüler*innen waren mit großem Engagement bei der Sache – sie kletterten sogar auf das Bücherregal, um die Bildquellen chronologisch zu ordnen, ganz wie die Profis. Begleitend dazu gab es historische Informationen und Geschichten, etwa vom gemeinsamen Weihnachtsfest von Unternehmern und Angestellten, das die Familie Engländer einst pflegte.

Zur Familie Holub stand uns besonderes Anschauungsmaterial zur Verfügung: Originalziegel aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, welche die Schüler*innen bei den eigenen Großeltern aufgestöbert und stolz in die Schule mitgebracht hatten. Die alten Ziegel mit der Prägung „C B“ zeugen von der langen industriellen Geschichte des Ortes.

 

 

Wenn unbekannte Erinnerungen Emotionen wecken: Stimmen der Jugendlichen

Einige Reaktionen zeigen ihr Mitgefühl und ihre Nachdenklichkeit:

„Ich find’s schrecklich, dass das überhaupt passieren konnte.“ (Leonie)
„Das ist sehr traurig.“ (Fabio)
„Schade, dass es das heute nicht mehr gibt.„Voll blöd.“ (Schüler*innen der „Ziegelbande“)

Atmosphäre und Austausch

Unterstützt von David Grossauer und seiner Frau Helga entstanden beeindruckende Entwürfe für die Darstellung der „Brücke“ – in Erinnerung an die Reichsbrücke in Wien, für deren Stahlträger die Firma Engländer 1937 die Lacke lieferte. Mit Bleistift, Farbstiften, Wasserfarben und Filzstiften entstanden lebendige, farbintensive Werke. David, im weißen Malerkittel unverkennbar als Künstler, stand den Jugendlichen beratend zur Seite, während das restliche Team bei der Farbauswahl half oder Gespräche über die Zeit von einst führte.

Nur eine längere Pause unterbrach die konzentrierte Arbeit: Die Stadtgemeinde Neulengbach sorgte mit Speck- und Käsestangerln, Brezeln, Briochekipferln, Schokocroissants, Muffins und Getränken für die wohlverdiente Stärkung.

 

Mit fortschreitender Arbeit wurden die Fragen der Schüler*innen immer tiefgründiger:

„Warum gab es eigentlich eine Ziegelproduktion in Neulengbach?“
„Wie wurden Ziegel hergestellt? Mussten sie händisch getrocknet werden?“

Es ist immer wieder beeindruckend zu erleben, wie durch die aktive Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte das Interesse an anderen, zunächst ganz anders wirkenden Themen geweckt wird – in unserem Fall an der Herstellung von Ziegeln. Die Neugierde war so groß, dass wir nun einen Besuch des Wiener Ziegelmuseums planen, um weitere Einblicke zu gewinnen.

Besonders berührend war ein Gespräch zweier Schülerinnen:

A: „Was glaubst du, hat Gottfried Engländer (damals 17 Jahre alt) am meisten vermisst?“
B: „Sein Zuhause.“
A: „Was hättest du an seiner Stelle mitgenommen? Ein Spiel?“
B: „Meine Mama und meinen Papa.“

Abschließend möchte ich meinen persönlichen Eindruck nach diesen emotionalen Begegnungen mit den Jugendlichen schildern: Die Schüler*innen spüren, dass „damals vieles geschehen ist, was nicht richtig war.“ Die gemeinsame Auseinandersetzung im Team macht die Schwere der Geschichte leichter zugänglich – und ermöglicht es, Vergangenheit über künstlerische oder literarische Ausdrucksformen zu begreifen.

So wird Zeitgeschichte als lokale Geschichte für junge Menschen lebendig und begreifbar. Davon bin ich überzeugt!

 

Text: Dr.in Hedy Fohringer

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