DE
Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Sandalen, Herzen, Fische

Alle ArtikelDIPkatalog
Ein Tisch voller beschrifteter Ziegel wird von mehreren jungen Erwachsenen bearbeitet. Laptops, Unterlagen und Zetteln begleiten die Arbeit an der Digitalisierung und Dokumentation.

Ziegel sind nicht nur das substanzgebende Baumaterial vieler historischer und moderner Gebäude in Österreich, sie ermöglichen es Bauforscher*innen auch, Aussagen über das Alter eines Bauwerks, mit seiner Errichtung verbundenen Sozialstrukturen oder die benötigten Kulturtechniken zu machen. Gerade im Bereich der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie können durch die unzähligen Zeichen und Markierungen einzelne Mauerziegel noch Jahrhunderte nach ihrer Erzeugung einer Gemeinde, einem Betrieb und manchmal sogar einer bestimmten Person zugeordnet werden.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung, Dokumentation und Inventarisierung einer solchen Ziegelsammlung erfordert viel fachliches Wissen und eine gute Portion Neugier – von beidem war beim zweiwöchigen Workshop der European Heritage Volunteers, der Burghauptmannschaft Österreich und des Bundesdenkmalamtes Anfang September 2025 in der Kartause Mauerbach jede Menge vorhanden. In der Kartause Mauerbach befindet sich das Informations- und Weiterbildungszentrum des Bundesdenkmalamts, dessen Ziel es ist, die für die Baudenkmalpflege benötigten historischen Handwerkstechniken zu erhalten, an Fachkräfte zu vermitteln und bei der breiten Öffentlichkeit ein Bewusstsein für Herausforderungen des Schutzes unseres gebauten Erbes zu vermitteln.

Zu diesem Zweck befinden sich im barocken Gebäudekomplex verschiedene Sammlungen zu historischen Baumaterialien, Bautechniken und Gebäudeausstattungen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung, Inventarisierung und Aufbereitung zur Präsentation im Rahmen von Sonderausstellungen findet kontinuierlich statt. Relativ neu sind die Bestrebungen, die Sammlungsbestände auch digital zugänglichzu machen: Seit Anfang 2025 wird die Integration der Datenbanken in den DIPkatalog vorbereitet.

European Heritage Volunteers bewahren Kulturerbe

Im Dachboden des Kreuzganges des ehemaligen Kartäuserklosters Mauerbach befand sich bis dahin eine der größten historischen Ziegelsammlungen Österreichs, bestehend aus über 1500 Einzelstücken. Der genaue Umfang war nicht bekannt, sind die heutigen Bestände doch aus verschiedenen Einzelsammlungen von Abteilungen des Bundesdenkmalamtes, Privatpersonen und Institutionen zusammengeführt worden. Um die verschiedenen Bestände wissenschaftlich und museal nutzen zu können, war eine komplette Inventarisierung nach einheitlichen Kriterien notwendig. Der Startschuss zur Überführung der Sammlung in das neue Inventarisierungssystem fiel mit einem zweiwöchigen Workshop der European Heritage Volunteers. Dieser gemeinnützige Verein, der bereits seit den 1990er-Jahren aktiv ist und mittlerweile jährlich über dreißig Veranstaltungen in ganz Europa abhält, hat sich der Freiwilligenarbeit zum Erhalt des kulturellen Erbes verschrieben. Studierende aus aller Welt kommen während der Sommermonate zusammen, um alte Gemäuer instand zu setzten, Wandgemälde zu pflegen oder auch historische Bauteilsammlungen aufzuarbeiten.

Unter der fachkundigen Anleitung von Dr. Paul Mitchell, Archäologe und Bauforscher mit viel Erfahrung in der Bestimmung und Datierung historischer Ziegel, machten sich die Freiwilligen ans Werk, Ordnung in die provisorisch gelagerten Baumaterialien zu bringen. Nach einer Vorsortierung in die Gruppen Mauerziegel, Bodenziegel, Dachziegel und Sonderziegel konnte mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden: Jedes Objekt wurde einzeln gereinigt, vermessen, gewogen, fotografiert und anschließend bis ins kleinste Detail beschrieben. Die ältesten österreichischen Ziegelfunde stammen aus der Zeit der römischen Antike (ca. 1. bis 4. Jahrhundert). Mit dem Abzug der römischen Bevölkerung verschwand vorerst auch die Technik des Ziegelbrennens, bis im späteren Mittelalter (ca. 11. bis 14. Jahrhundert) wieder häufig gebrannter Ton als Baustoff zum Einsatz kam. Von diesem Zeitpunkt an findet über die Neuzeit (ca. 14. bis Ende 19. Jahrhundert) bis zu den industriell gefertigten Ziegeln des 20. und 21. Jahrhunderts eine kontinuierliche Entwicklung statt, die an den Sammlungsobjekte ablesbar ist.

Die Ziegel der römischen Epoche wurden als erstes bearbeitet: Sie bilden unter anderem aufgrund der speziellen Formen und Nutzungen eine klar getrennte Gruppe und sind leicht von den später gefertigten Objekten zu unterscheiden. Unter den rund 150 antiken Objekten fanden sich neben einzigartig römischen Formen wie Tegulae (römische Dachziegel) oder Elemente der Boden- und Wandheizungssysteme (Hypokaustenziegel und Tubuli) auch später gängige Arten wie Mauer- und Bodenziegel. Markiert wurden viele römische Ziegel mit Stempelzeichen, etwa in Form einer Sandale als Zeichen einer Legion oder dem Namen des Herstellers.

Ikonische Ziegelzeichen

Schnell wurde klar, dass die Inventarisierung aller Objekte nicht in zwei Wochen zu schaffen sein würde. Nach der Gruppe der römischen Ziegel konzentrierten sich die Studierenden daher auf die größte Gruppe, die Mauerziegel des Mittelalters und der Neuzeit. Hier finden sich auch die unter Sammler*innen beliebten neuzeitlichen Ziegelzeichen, die ähnlich der römischen über Herkunft und Hersteller Auskunft geben. Mauerziegel, bei deren Herstellung die Lehmmasse zur Formgebung in eine Holzform (Model) geschlagen wurde, bekamen über ein Relief an der Modelunterseite ein Zeichen, anhand dessen Ziegelproduzent*innen ihre Ware eindeutig identifizieren konnten. Ein wichtiges Detail, waren auf historischen Baustellen doch oft Ziegel vieler kleiner Ziegeleien im Einsatz, deren ordnungsgemäße Lieferung zur Abrechnung anhand der Identifikationsmarken belegt werden konnte.

Wurden die Zeichen anfänglich noch durch eher simples Schnitzen von Buchstaben in die Holzformen erzeugt, kamen im 19. und 20. Jahrhundert überraschend filigrane und aufwändige Symbole zum Einsatz, die über eingelegte Platten in den Lehm gepresst wurden. Große Bekanntheit haben noch heute beispielsweise die mit dem Doppeladler versehene Ziegel Alois Miesbachs oder Heinrich Drasches. Neben verschiedenen Buchstabenkombinationen waren Tiersymbole wie ein laufendes Pferd (Hafnerbach) oder ein Fisch (Gemeinde Fischamend) zu finden. Auch brezel- oder herzförmige Symbole erfreuten sich bei Ziegelhersteller*innen großer Beliebtheit – wahrscheinlich kommt diese Formensprache ursprünglich von der Darstellung zweier gekreuzter Ziegeleisen, einem Werkzeug zum Formen von Dachziegel, und wurden später romantisch uminterpretiert.

Am Ende der zweiten Kurswoche waren über 400 Ziegel nach wissenschaftlichen Kriterien beschrieben und in das Inventarisierungsportal eingepflegt. Für alle Beteiligten war die Veranstaltung ein voller Erfolg: Sowohl für die Studierenden, die sich viel Fachwissen aneignen und in die praktische Bauforschung hineinschnuppern konnten, als auch für das Team des Bundesdenkmalamtes, das den ersten Schritt zur kompletten Dokumentation der Ziegelsammlung und deren Präsentation im Rahmen einer Ausstellung machen konnte. Die Ergebnisse werden in den kommenden Monaten im DIP-Katalog online gehen.

Text: Florian Kolar

 

Weiterführende Links:

Online-Ziegelsammlung der Kartause Mauerbach:

Filtern
Sammlung / Museum
Themensammlung
Material
Schlagwort
Zuordnung folgt dem Gemeinsamen Thesaurus für Kulturgeschichtliche Sammlungen.
Merkliste
asdf