Prompt – erledigt?
Wer spricht im Museum, wenn die KI mitredet? Dürfen Museen überhaupt die KI einsetzen?
Dass das durchaus von Vorteil sein kann, beweist die blau-gelbe Museumslandschaft. Vorausgesetzt, der Mensch bleibt der Entscheider.
Große Freude im Museum Horn: Die Inventarliste ist um gut 8.000 bereinigte Datensätze angewachsen, innerhalb weniger Tage vereinheitlicht und geordnet. Was sonst Wochen sorgfältiger, oft ermüdender Arbeit erforderte, gelang diesmal in kurzer Zeit. Möglich wurde das durch kluges Prompting, klare Vorgaben und konsequente Kontrolle. Inventarnummern wurden zusammengeführt, Dubletten erkannt, Begriffe harmonisiert. Die KI liefert Vorschläge, der Mensch entscheidet. Die Maschine sortiert vor, das Museumsteam legt Regeln fest, prüft Ausnahmen und setzt Standards. Der Gewinn ist spürbar: deutlich weniger Fehler, mehr Tempo, mehr Qualität und Quantität.
Diese Erfahrung ist kein Einzelfall, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch den Museumsalltag. Die Frage „Wer spricht?“ ist dabei nicht nur technischer Natur, denn Museen genießen ein besonderes Vertrauen in die Richtigkeit ihrer Inhalte. Dürfen Museen dennoch KI einsetzen? „Ja“, sagt Hans‑Peter Trimmel, Kustos im Museum Horn: „Die KI hilft – vorausgesetzt, der Mensch versteht sie richtig einzusetzen und kontrolliert die Ergebnisse.“
Quelle, Kontext und Verantwortung
Wie in jeder wissenschaftlichen Arbeit geht es auch im Museum um die Verbindung von Quelle, Kontext und Verantwortung. KI kann eine gute Partnerin für Routinen sein, etwa bei Textadaptionen, Zusammenfassungen oder Übersetzungen komplexer Inhalte in verständliche Sprache. Doch erst die menschliche Einordnung macht aus einem Vorschlag einen tragfähigen Beitrag. Genau darin liegt die Souveränität: nicht alles selbst formulieren, aber alles selbst verantworten.
Ulrike Scholda, Leiterin der Museen der Stadt Baden, betont diesen Punkt: „Wir werden nicht ersetzt – weder der Mensch noch die Museen.“ Der Grund liegt auf der Hand: Museen verfügen über die wahren Ressourcen kultureller Arbeit, über die echten Objekte, Dokumente und Originale. In einer „Wischbild‑Welt“ bietet das Analoge Orientierung und eine wohltuende Abwechslung.
KI kann Grundlagen für Museumsführungen liefern, Vermittlungsprogramme erweitern oder Texte zusammenfassen. Was sie jedoch (noch?) nicht bietet, ist das feine Gespür für Gruppen, Stimmungen und Aufmerksamkeit im Raum. Gerade dieses Sensorium für das Zwischenmenschliche macht aus einem Ausstellungsbesuch ein wertvolles Erlebnis, macht Museen zu Orten der Begegnung.
Neben allen Vorteilen mahnt Ulrike Scholda Quellenkritik ein und einen kritischen Blick auf den Energieverbrauch: „Man sollte sich immer auch fragen: Ist diese Abfrage wirklich notwendig?“
Ganz schön smart: Werkzeuge arbeiten, Menschen entscheiden
Das Krahuletz‑Museum in Eggenburg ist bekannt für seinen breiten Zugang zur Natur‑ und Kulturgeschichte des nordwestlichen Niederösterreichs. Mit dem Kunst‑ und Forschungsprojekt smART Data BRIDGE Krahuletz erweitert das Museum seine Ausstellungen um eine zusätzliche Ebene. Mithilfe von Video, Ton und digitalen Welten werden die historischen Bestände neu erschlossen. So wird etwa jene Zeit vor etwa 20 Millionen Jahren, als das heutige Horner Becken von Meeresfluten bedeckt war, in Tanzbewegungen ausgedrückt und nimmt in diesen unerwartete Formen an.
Der Blick auf die Sammlung kann sich dadurch verändern, neue Perspektiven können entstehen. Zum einen auf die Forschung im Museum, die als dynamischer Prozess gezeigt wird, der die technologischen Möglichkeiten der Gegenwart testet und kreativ einsetzt. Zum anderen auf das Besuchserlebnis, das um eine neue, spielerisch anmutende Ebene bereichert wird. Bewusst steht dabei kein abgeschlossenes Ergebnis im Zentrum, Fragen dürfen offenbleiben und weitere nach sich ziehen.
Ein KI‑gestützter Chat auf der Website unterstützt die Orientierung und lädt zur vertiefenden Recherche ein. Entwickelt und kuratiert werden diese digitalen Ebenen gemeinsam mit wissenschaftlichen und künstlerischen Partnerinstitutionen. Museumsleiterin Susanne Stökl sagt dazu: „Technologiegestützte Anwendungen zeigen uns neue Wege, die wir neugierig und ergebnisoffen gehen. Sie bringen überraschende Ideen hervor. Wie und wofür wir sie einsetzen, entscheiden wir.“
Auch hier bleibt KI ein bewusst gewähltes Werkzeug, eine kreative Partnerin, deren Vorschläge Menschen zu neuen Interpretationen anregen. Das Krahuletz‑Museum zeigt an diesem Beispiel, wie digitale Forschung, künstlerische Praxis und Sammlungskompetenz ineinandergreifen können.
Die Grenze verläuft dort, wo Beziehung beginnt
Menschliche Signale zu lesen, ist Kern kultureller Vermittlung. „Human in the Loop“, die viel zitierte Einbindung des Menschen in ein automatisiertes System, beschreibt nicht nur einen technischen Standard, sondern eine kulturpolitische Haltung. Menschen behalten die Verantwortung, die Maschine liefert Optionen.
Die Beispiele aus Niederösterreich zeigen typische Einsatzfelder: Datenharmonisierung, Dublettenprüfung, Textadaptionen, Ideengenerierung, Bilderstellungen und automatisierte Abläufe. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Effizienz, niedrigere Einstiegshürden und Entlastung von Routinearbeiten. Gleichzeitig wächst die Verantwortung: Qualitätssicherung, Nachvollziehbarkeit der Quellen, Prüfung möglicher Verzerrungen und ein bewusster Umgang mit Ressourcen werden noch wichtiger. Denn KI ergänzt oder erfindet auch, wenn Vorgaben unklar sind. Dieses Verhalten mag an menschliche Kommunikation erinnern, ersetzt aber keine Expertise.
Wer spricht denn nun im Museum?
Die Stimme im Museum setzt sich aus vielen Stimmen zusammen: Menschen mit unterschiedlichen Blickwinkeln und Daten aus verschiedenen Quellen. KI kann helfen, schneller zu formulieren, entscheidet jedoch nicht, was richtig ist.
Die Stimmen aus niederösterreichischen Museen zeigen, wie dieser Balanceakt gelingen kann: mit neugierigem Pragmatismus. Sie testen, was Tools leisten, und ziehen Grenzen dort, wo Nähe, Urteilskraft und Haltung entscheidend sind. Am Ende steht keine Technikgeschichte, sondern eine Kulturgeschichte der Souveränität. Der Mensch behält das letzte Wort.
Nachschau
Der 29. NÖ Museumstag im Schloss Katzelsdorf widmete sich dem Thema „KI trifft Museumsalltag. Strategien für die Praxis“.
Die Referentinnen und Referenten, darunter auch Ulrike Scholda und Susanne Stökl, teilten mit dem Publikum viele Beispiele und Anregungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Möglichkeiten, die KI-Anwendungen bereits bieten.
Nachlese der Beiträge und Impressionen: www.noemuseen.at/museumstag
Text: Barbara Linke
Dieser Artikel erschien im Magazin Schaufenster der Kultur.Region.Niederösterreich, Ausgabe 1/2026.




