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Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

♪ Orchesterklang im Wandel von der Klassik zur Romantik ♪

Ein Buch mit dem Titel Himmlisches Orchester von Robert Hohlbaum liegt auf einer weißen Unterlage. Der Einband zeigt ein farbig illustriertes Oval mit musizierenden Figuren in Wolken. Der Rücken ist blau gestaltet, darunter stehen Verlagsangaben aus Leipzig. Vor dem Buch liegt eine Inventarnummer mit Farbskala.

Diese digitale Ausstellung ist Teil der Reihe "Orte der Musik". Wir begeben uns darin auf eine Reise durch die Musikgeschichte und spüren den Entwicklungen in jenen 200 Jahren nach, die den Bogen spannen von der Klassik zur Moderne. Wie änderte sich der Musikgeschmack, wie die Instrumente – und was gibt es dazu in niederösterreichischen Sammlungen zu entdecken?

Klassik: Was ist das?

Der Beginn der Epoche der musikalischen Klassik wird ab etwa 1730 datiert. Sie fällt in eine Zeit der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Die Gedanken der Aufklärung prägen sie ebenso wie die französische und die industrielle Revolution sowie die kriegerischen Auseinandersetzungen jener Jahre. Diese Umstände führen dazu, dass die früheren Hauptmäzene der Kunst, die Adeligen, nun sparen müssen. So werden die großen Orchester, wie sie im Barock üblich waren, verkleinert bis hin zur Wiener Hofmusik in den Jahren der noch ungesicherten Herrschaft der jungen Maria Theresia (1717-1780).

 

Es entsteht eine neue Ästhetik der Einfachheit in der Musik: Absichtlich – als Gegensatz zum pathetischen, künstlichen und überladenen Stil des opulenten Barock –  wird die Melodie in den Mittelpunkt gestellt und die basso continuo-Begleitung, also die durchgehende Ergänzung durch den Generalbass, entfällt. Der harmonische Rhythmus wird vereinfacht zu einer Periodenbildung von vier oder acht Takten und Kadenzen dominieren die kompositorische Gestaltung.

Was heute zumeist als Klassik bekannt ist, wurde auch galantes oder empfindsames Zeitalter genannt. Der Galante Stil ist das Gegenteil zum regelgebundenen kontrapunktischen Stil, denn er beruht auf einer freien Schreibart. Die Bezeichnung "galant" bedeutet leicht, grazil und frei, denn die Betonung des Melodischen, die Verwendung von musikalischen Ornamenten und ein tänzerisches Gefühl sind stilgebend. Der empfindsame Stil ist expressiv und arbeitet mit vielen Effekten wie Dynamikunterschieden und Überraschung. Als Folge der Verkleinerung der Orchester wird die Kammermusik zum neuen Fokus der Komponisten. Die beliebteste Gattung ist das Streichquartett. Besonders die Streichquartette von Joseph Haydn (1732-1809) sind typisch für den Stil der Wiener Klassik (ca. 1770-1830), der sich durch Einfachheit und gleichzeitig anspruchsvolle motivische Verarbeitung auszeichnet und nach Allgemeinverständlichkeit strebt.

Für den Orchesterklang der klassischen Sinfonie ist die so genannte Mannheimer Schule (1743-1778) stilgebend, wobei als entscheidender Innovator der Konzertmeister und spätere Kapellmeister Johann Wenzel Anton Stamitz (1717-1757) gilt. Im Orchester sind Sinfonie und Instrumentalkonzert die wichtigsten Gattungen. Das Primat der Melodie ersetzt nun das Generalbass-Prinzip. Einfache Symmetrie der Takteinteilung erzeugt Natürlichkeit, aber in der expressiven Themenstruktur sind barocke Stilelemente zu finden, so etwa Seufzerfiguren und die Betonung der Vorhalte. Die Themen sind aus kleinen Motiven zusammengesetzt und werden variiert.

Kontrastwirkungen in der Musik wie konträre Themen in der Sonatenhauptsatzform und direkt aufeinander folgende Laut-Leise-Effekte in der Dynamik sind eine große Neuheit. Effekte wie das Crescendo, also die langsame Zunahme der Lautstärke, Generalpausen und Ornamente wie der Mordent, ein schneller Wechsel von der Hauptnote zur unteren kleinen Sekund und zurück, sind als „Mannheimer Manieren“ bekannt und können in Kompositionen wie zum Beispiel Johann Stamitzs Sinfonia a 8 in Es-Dur gehört werden. In der Sinfonieorchesterbesetzung emanzipiert sich der Holzbläsersatz und bekommt mit der Klarinette ein neues Instrument.

Um 1800 darf in Wien und seiner Umgebung die Musik auch beim flanierenden Spaziergang nicht fehlen: Bei sogenannten Stockflöten ist eine Blockflöte im Spazierstock eingebaut, damit jederzeit eine Melodie gespielt werden kann.

  • Die Ära des Harmoniums:

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Für die gebildete Bürgerschaft gehören in dieser Zeit Hausmusik und musikalische Bildung zum Standard, wodurch das Harmonium zu einem sehr beliebten Instrument wird. Diese Heimorgel wird zum Musizieren in den eigenen vier Wänden des bürgerlichen Mittelstands sowie in Salonorchestern oder zur Begleitung religiöser Lieder verwendet.

 

Das Lied: Schubert sei Dank!

Am Übergang in die frühe Romantik wird eine neue Form im Gesang – konträr zur Oper mit Unterscheidung von Rezitativ und Arie – durch Franz Schubert (1797-1828) populär gemacht: Das Lied. Diese Gattung verkörpert die Ideale der Romantik, sie drückt Natürlichkeit und Einfachheit aus und hat das Erleben von Natur und Gefühl zum Inhalt. In dieser Zeit vollzieht sich auch ein wichtiger Perspektivenwandel, der bis heute nachwirkt. Musik wird nun nicht mehr nur als reines Handwerk angesehen; die Künstler werden aufs Podest gehoben und manche sogar zum Genie erklärt.

  • Zu Ehren des Liederfürsten:

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Der Stil der Romantik (ca. 1800-1910) wird von der Leitkategorie „Unstillbare Sehnsucht“ bestimmt und entdeckt neue Möglichkeiten der Form und Harmonie. Musikalische Gattungen werden durch fremde Elemente erweitert. Dazu zählt beispielsweise der revolutionäre Einsatz eines Chores durch Ludwig van Beethoven (1770-1827) in seiner berühmten neunten Sinfonie, da dies eine zuvor rein instrumentale Gattung war, oder auch die erweiterte Harmonik wie sie insbesondere bei Richard Wagner (1813-1883) zu finden ist, Dessen als "Tristan-Akkord" bekannt gewordener Vierklang sprengt die bisherige Tradition, arbeitet bewusst mit Dissonanzen, erzeugt eine fragende Klangfarbei und verstärkt so die Gefühle von Sehnsucht und Unsicherheit.

Wir sehen an dieser Stelle einen entscheidenden Schritt hin zur Atonalität in der Musik und auch zur Narrativität: Man sucht größere Sinnzusammenhänge und ausdrucksstarke Bedeutungsgebung, woraus die Programmmusik entsteht; die Musik reagiert auf Einflüsse aus der Literatur und bildenden Kunst der Zeit.

 

 

Die Nation in der Musik

Die Nationalromantik als politische Bewegung beeinflusst auch die Musikgeschichte. Die Vorstellung von der Nation als Gemeinschaft in Geschichte und Tradition zeigt sich in typischen Motiven, etwa in den „Ungarischen Rhapsodien“ von Frédéric Chopin (1810–1849). Zu dieser Entwicklung zählen ebenso die Sinfonien der russischen Komponistengruppe „Das mächtige Häuflein“ (auch „Gruppe der Fünf“, gegründet 1862). Ihre Mitglieder, darunter Modest Mussorgski (1839–1881) und Nikolai Rimski-Korsakow (1844–1908), integrieren Volksmusik in die Sinfonik. Die sinfonische Dichtung „Finlandia“ von Jean Sibelius (1865–1957) wird schließlich zum Symbol finnischer Freiheit und Unabhängigkeit, der Komponist zur Leitfigur eines selbstbestimmten Landes.

Eine weitere Neuheit ist der Rückgriff auf „alte“ Techniken: Historismus gegenüber früher Aufführung ausschließlich aktueller Musik und Rückblick auf alte Kompositionen. Herausragend ist dabei die Wiederentdeckung und Wiederaufführung der "Matthäus-Passion" von Johann Sebastian Bach (komponiert 1727) durch Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847).
Der Entwicklungsgedanke ist wichtig für die motivische Arbeit. So wird die Nummernoper, eine Aneinanderreichung von musikalischen Abschnitten wie Arien, Chöre oder Insturmentalstücke, die durch Rezitative und gesprochene Texte verbunden werden, nun ersetzt durch durchkomponierte Gesamtkunstwerke. Die unendliche Melodie besteht aus Leitmotiven für Personen oder Gegenstände und beinhaltet philosophischen Sinn für Mythen aus der Vergangenheit. Das Orchester trägt das Geschehen in dem nicht mehr als Oper bezeichnetem Musikdrama von Richard Wagner.

In der Romantik vergrößert sich das Orchester durch die Verbürgerlichung des Konzertwesens: Musikvereine ersetzen Salonkonzerte und so werden Musik und Gespräche über Musik in Kritiken und Zeitschriften großflächiger zugänglich.

 

Bruckner, Brahms und ihre Wirkung auf den Instrumentenbau

Entscheidend für die Wiederkehr der Sinfonie sind die monumentalen, räumlichen und polyphonen Werke von Anton Bruckner (1824-1896) und Johannes Brahms (1833-1897) mit ihrer gewagten Harmonik, mit Themen und Motiven aus elementaren Intervallen, ganz dem romantischen Ideal der Natürlichkeit entsprechend. Drei Themen ersetzen nun die Themendualität der Wiener Klassik. Oft werden zu Beginn die Motive auf einem Streichertremolo, dem sogenannten „Urnebel“, präsentiert – beispielsweise das Hornsolo am Beginn von Bruckners vierter Sinfonie, die den Beinamen „Romantische“ trägt. Bis zu Gustav Mahler (1860-1911) wird die Gattung ausgeweitet mit dem Anspruch, nichts weniger als die ganze Welt abzubilden, also auch Elemente der Trivialmusik oder Naturlaute verwenden, um letztlich Lied und Sinfonie zu vereinen.

Dafür wird das Orchester durch bautechnische Weiterentwicklung der Instrumente verbessert, um den Ansprüchen der Komponisten der Romantik gerecht werden zu können: Bei der Querflöte wird die Innenbohrung zylindrisch, das Rohr aus Metall gefertigt und mehr Klappen verbaut, um Chromatik, schnelle Tonwechsel zu ermöglichen und die Intonation zu verbessern. Ähnlich gibt es bei der Klarinette mehr Klappen und das starke Grenadil-Holz wird zum Standard. Die Erfindung der Ventile ermöglicht das chromatische Spielen für Blechblasinstrumente wie Trompete und Horn. Für das Register der Streicher verändern Stahlsaiten statt Darmsaiten den Klang. Im Klavierbau werden schwarze gegen weiße Tasten getauscht und die Hammertechnik ersetzt die Zupftechnik des Cembalos. Beim Schlagwerk werden neben dem Schlagzeug viele Percussioninstrumente für Effekte eingesetzt und auch Stabspiele und Idiophone.

  • Instrumente für Anspruchsvolle:

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Musik als Spiegel ihrer Zeit

Die Entwicklung der Musik von der Klassik zur Romantik, einer Zeitspanne von beinahe zwei Jahrhunderten (ca. 1730-1919), zeigt deutlich den Einfluss von Politik und Gesellschaft auf den musikalischen Stil und die Weiterentwicklung der Orchesterbegleitung. Themen, welche die damalige Gesellschaft bewegen, werden von der Musik aufgegriffen und widergespiegelt. Diese Entwicklung beeinflusst die Musik der Moderne und ist bis in die Gegenwart spür- und hörbar.

Text: Sophie Schrenk

Die Autorin ist Absolventin des Diplomstudiums Instrumental- und Gesangspädagogik und aktuell Studentin des Bachelor-Studiums Konzertfach an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Darüber hinaus ist sie selbst begeisterte Hornistin: Sie ist Mitglied der Stadtkapelle Klosterneuburg und des Musikvereins St. Andrä-Wördern sowie stellvertretende Leiterin der Jugendkapelle „Young Musical Artists“ in St. Andrä-Wördern.

 

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