NÖ-Storys: Storytelling mit Museumsobjekten
NÖ-Storys Museum ist ein Rätselspiel, das im Jahr 2025 in Kooperation zwischen Zeit Punkt Lesen und dem Museumsmanagement Niederösterreich entstand. Spannende Geschichten mit historischem Hintergrund wurden als mysteriöse Rätsel verpackt und sind als Spiel erschienen. Dieses umfasst 36 Rätselkarten mit wahren Begebenheiten aus ganz Niederösterreich.
Die kurzen Rätselgeschichten erzeugen Spannung, bleiben im Gedächtnis und machen Lust, mehr über die Geschichte von Niederösterreich zu erfahren. In diesem Beitrag öffnet das Redaktionsteam von NÖ-Storys seine Trickkiste und erzählt, was spannende Geschichten ausmacht und warum gerade Museumsobjekte eine besonders gute Grundlage dafür bilden.
Warum spannende Geschichten im Gedächtnis bleiben
Historisches Wissen wird oft mit großer Sachlichkeit vermittelt. Das ist verständlich, will man doch als vermittelnde Person bei den Fakten bleiben und keine „G’schicht‘ln drucken“. Gerade im Erzählen von Geschichten liegt aber ein großes Potential, das eine rein sachliche und nüchterne Darstellung nicht ausschöpfen kann.
Menschen sind narrative Wesen. Das heißt: Wir denken in Geschichten, organisieren unsere Erinnerungen in Geschichten und wollen Geschichten hören. Geschichten ermöglichen es uns, Zusammenhänge zu verstehen und nachzuvollziehen. Anders als Aneinanderreihungen von Fakten, die oft nur Fachleuten zugänglich sind, ergeben Geschichten für uns Sinn und sind auch für Außenstehende verständlich.
Ein wesentliches Merkmal von Geschichten ist außerdem, dass sie Träger von Emotionen sind. Wir identifizieren uns mit den handelnden Personen und fühlen Wut, Freude, Liebe oder Abscheu mit ihnen. Wir lieben es, wenn Spannung aufgebaut wird, eine überraschende Wendung hereinbricht, oder ein komischer Moment entsteht. Diese Emotionen tragen dazu bei, dass etwas im Gedächtnis bleibt.
Überlegen Sie selbst: Welche Geschichten sind es, die sie in Ihrem Bekanntenkreis weitererzählen und warum?
Projekt NÖ-Storys: Rätselspiel mit Mehrwert
Diese Kraft der Geschichten machte sich das Redaktionsteam zunutze. Für das Projekt NÖ-Storys waren niederösterreichische Museen aufgerufen, spannende Geschichten einzureichen, die sich um Exponate in ihren Sammlungen drehen. Rund 80 Museen sind diesem Aufruf gefolgt, 36 Geschichten aus dem Fundus wurden schließlich in Form eines spannenden Rätsels Teil des Kartenspiels.
Die Spielregeln von NÖ-Storys sind simpel: Jede Karte enthält einen mysteriösen Rätselimpuls. So wird man beispielsweise mit der Frage konfrontiert, warum in Orth an der Donau (museumOrth) einmal ein Poltergeist vor Gericht stand, welchen ungewöhnlichen und sehr weltlichen Nebenverdienst ein Pfarrer aus Pottendorf pflegte oder warum Schiffe in der Donau – scheinbar ohne Grund - sanken (Schifffahrtsmuseum Spitz an der Donau). Das Rateteam ist nun gefordert, durch geschickte Fragen den Hintergrund zu erraten.
Neben Spannung und Unterhaltung verfolgt das Projekt NÖ-Storys vorranging Bildungsziele. Im Team von Zeit Punkt Lesen, der Lesekompetenzstelle des BhW Niederösterreich, war die enge Verbindung von Lese- und Erzählfähigkeit bewusst: Wer gekonnt erzählt, hat auch Vorteile beim Lesen und Schreiben. Neben Lese-, Erzähl- und Sprachkompetenz sind aber auch das logische Denken und Kombinieren gefordert. Nicht zuletzt sollen NÖ-Storys natürlich Lust darauf machen, in die Geschichte Niederösterreichs einzutauchen und Museen zu erkunden.
Vom Objekt zur Geschichte: Einstieg ins Storytelling
Wie kommt man von einem Objekt in einem Museum zur spannenden Geschichte?
Schnell hat man beim Gedanken Museumsobjekten Fakten parat, die man vermitteln möchte: Aus welcher Zeit stammt das Objekt? Was war seine Funktion? Was ist das Besondere daran? Welche Personen gebrauchten es? Um zu einer Geschichte zu gelangen, müssen wir jedoch weg von allgemeinen Aussagen, hin zum Konkreten. Denn Geschichten sind immer einzigartige Geschichten von ganz bestimmten Akteurinnen und Akteuren. Es gilt also, die konkreten menschlichen Geschichten hinter den Objekten aufzuspüren, Bottom-Up statt Top-Down zu denken.
Ein Beispiel: Aus dem Städtischen Museum Neunkirchen wurde uns ein geschichtsträchtiges Exponat eingereicht: Ein Bremskabel der Raxseilbahn, das in den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den politischen Lagern in den 1930er Jahren als Waffe zweckentfremdet wurde und damit sinnbildlich für die damals angespannte Lage im Land steht. Doch wie sollte daraus eine Geschichte werden? Beim Recherchieren stießen wir durch Glück auf die Geschichte des Heimwehr-Angehörigen Franz Berger, der die Heimwehrkasse plünderte, sich selbst anschoss und den Schutzbund eines Raubüberfalls beschuldigte. Daraufhin drohte die ohnehin schon angespannte Lage in Neunkirchen beinahe in einen Bürgerkrieg zu eskalieren. In diesen menschlichen Konflikt rund um einen Schwindler ließ sich nun unser Bremskabel hervorragend einbauen. Die historische Aussage blieb weiterhin erhalten, konnte aber nun entlang einer konkreten Geschichte transportiert werden. Nachvollziehbarkeit, Identifikation und Mitfühlen wurde ermöglicht.
Mit einfachen Mitteln Spannung erzeugen
Was aber, wenn keine Geschichte gefunden werden kann, da die Quellen einfach zu wenig Stoff liefern? In diesem Fall kann man sich zumindest mit einem grundlegenden Storytelling-Trick hinüberretten: Es muss Spannung aufgebaut werden, die Zuhörerinnen und Zuhörer zumindest neugierig gemacht und bei der Stange gehalten werden. Das ist bei Rätselspielen besonders wichtig, kann aber ebenso gut in der Vermittlungsarbeit oder Vermarktung von Museumsinhalten genutzt werden.
Auch dazu ein Beispiel: Aus dem Stadtmuseum Gmünd wurde das Richtschwert „Elise“ eingereicht, ein Schwert, mit dem der letzte Scharfrichter von Gmünd Verurteilte enthauptete. Weder über den besagten Scharfrichter namens Michael Bliemel noch über dessen Opfer war jedoch genügend bekannt, um eine interessante Geschichte rund um das Richtschwert zu erzählen.
Darum griffen wir nach einem Kniff. Mit folgendem rätselhaften Impuls führten wir zunächst die Ratenden auf eine falsche Fährte: „Michael und Elise – was verbindet dieses grausame Paar?“. Dass es sich dabei nicht um eine Verbrecherduo handelt, sondern einen Scharfrichter und sein Schwert sorgt bei der Auflösung für einen gewissen Überraschungseffekt. Das Zusammenspiel aus Spannungsaufbau und Spannungslösung erzeugt Interesse und ermöglicht, dass Wissensinhalte im Gedächtnis bleiben, die ansonsten rasch wieder vergessen wären.
Was wir Ihnen damit zeigen möchten: Auch mit wenig Stoff und einfachen Mitteln lässt sich mit etwas Kreativität ein spannender Zugang zu Museumsobjekten und Fakten finden.
Tipps aus der Storytelling-Trickkiste
Für alle, die nun grübelnd vor ihren Museumsobjekten stehen und die Geschichten vor lauter Exponaten nicht sehen, haben wir hier noch einmal die wichtigsten Tipps aus unserem Erfahrungsschatz zusammengefasst:
- Gehen Sie gedanklich weg von allgemeinen historischen Fakten. Geschichten brauchen das Konkrete: konkrete Personen, konkrete Situationen, konkrete Ereignisse.
- Menschen wollen sich identifizieren. Suchen Sie deshalb möglichst Geschichten von Menschen (nicht von Dingen). Je mehr Sie über diese Menschen wissen – z.B. wer sie waren, was sie antrieb und was sie unternahmen – desto besser die Geschichte.
- Menschen wollen mitfühlen. Setzen Sie deshalb auch gezielt auf Emotionen und geben Sie den Figuren Charakter. In den NÖ-Storys treten wütende Kaiserinnen, eitle Burgherren, mutige Widerstandskämpfer und dergleichen auf.
- Bauen Sie Spannung auf – im Notfall auch mit einer offenen Frage oder einer kleinen Irreführung. Das Publikum soll sich fragen: „Wie geht es nur weiter?“ – So halten Sie das Interesse der Leute.
- Mut zur Lücke: Als Fachleute sind Sie voller Wissen über Ihre Spezialthemen. Das verleitet dazu, zu viel auf einmal sagen zu wollen. Oft ist es aber der Qualität der Geschichte zuträglich, einen besonders spannenden Ausschnitt herauszugreifen. Stellen Sie sich als Hilfsmittel vor, Sie stehen vor einem großen Bild und zoomen mit einer Kamera in den interessantesten Teil hinein. Keine Angst: Wenn die Geschichte richtig gut ist, ist das Eis gebrochen und Ihre Zuhörerinnen und Zuhörer werden mehr erfahren wollen.
- Und last not least der wichtigste Tipp: Erproben Sie Ihre Geschichte an völlig außenstehenden Personen und holen Sie Feedback ein. Nur Außenstehende, die mit der Materie nicht vertraut sind, können Ihnen sagen, ob Ihre Geschichte funktioniert.
Text: Katharina Schwabl und Alexander Hödlmoser, Zeit Punkt Lesen
Weiterführende Links:
- NÖ Storys: Information und Bezugsquelle
- Zeit Punkt Lesen
- museumOrth
- Schifffahrtsmuseum Spitz an der Donau
- Städtisches Museum Neunkirchen
- Stadtmuseum Gmünd


