Krippenlandschaft Niederösterreich
Krippen sind ein altes und zugleich äußerst lebendiges Kulturgut. Schon seit dem Mittelalter sind Darstellungen der Geburt Christi in Kirchen belegt, etwa in Fresken oder Schnitzwerken. Im Barock wurden sie zu beliebten Altarbildern und erinnerten dabei, ganz dem Zeitgeschmack entsprechend, auch an bunt belebte Theaterbühnen.
Gleich zwei hervorragende Beispiele dafür finden sich noch heute im ehemaligen Augustiner Chorherrenstift Dürnstein: Neben dem Heiligen Grab des bekannten Theateringenieurs Antonio Galli da Bibiena, beherbergt der Kreuzgang einen mehrteiligen Klosterkrippenaltar. Dieser wurde von niemand Geringerem als Johann Schmidt, dem Vater des berühmten “Kremser Schmidt”, geschaffen. Seine Darstellung des Kindermords in Betlehem mit fast lebensgroßen Holzskulpturen hat nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren und appeliert auch heute noch an unser Mitleid mit jenen, denen Ungerechtigkeit widerfährt.
Mit dem Einzug in die Stuben der Bürgerhäuser veränderte sich der Charakter der Krippendarstellungen: Die Heilige Familie wurde zunehmend in der vertrauten, heimatlichen Umgebung inszeniert– mit regionaler Tracht, bäuerlichen Gebäuden und lokalen Werkzeugen, in der Weinviertler Kellergasse oder vor Mostviertler Alpenkulissen. So entstanden Miniaturwelten, die für uns heute wertvolle Zeitdokumente sind.
Regionales Kulturerbe
Niederösterreich mag keine einheitliche Krippenform aufweisen, doch weist das Bundesland eine beeindruckende Variantenvielfalt auf. Während im Voralpengebiet Hauskrippen in Einzelhoflandschaften eingebettet sind, finden sich im Flachland eher Papierkrippen oder fabrikgefertigte Figuren aus Holz und Ton. Das Waldviertel gilt als eher krippenarm, bietet jedoch mit der mechanischen Krippe in Maria Taferl ein ganz besonderes Kleinod.
Auch die Krippenspiele mit Handpuppen, wie sie aus St. Pölten und Traismauer bekannt sind, gehören in diesem Zusammenhang genannt. Sie beinhalten neben klassischen Bibelszenen auch Liebes- und Zunftlieder sowie sozialkritische Gesänge.
Das Traismaurer Krippenspiel steht mittlerweile auf der nationalen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO – ebenso wie der Krippenbrauch in Österreich – und zählt zu den letzten Stabpuppenspielen des Landes. Bis zu 30 Personen wirken bei der Aufführung mit Gesang und Musik mit und auch das Publikum wirkt beim Mitsingen der bekannten Melodien aktiv an der Aufführung mit. Diese regionalen Unterschiede machen die Krippenlandschaft besonders spannend – und stellen Museen vor die Aufgabe, Krippen nicht nur auszustellen, sondern auch den jeweiligen Kontext zu vermitteln.
Das 1. NÖ Krippenmuseum in Vösendorf widmet sich dieser Aufgabe mit großer Leidenschaft. Es zeigt historische und zeitgenössische Krippen und versteht sich als Ort für Austausch, Weiterbildung und kreative Gestaltung für alle Generationen. Im Jahr 2025 ist das Museum Gastgeber der 3. Niederösterreichischen Landeskrippenausstellung – eine besondere Veranstaltung, die nur alle sieben bis acht Jahre stattfindet. Sie präsentiert eine beeindruckende Bandbreite an Formen, Materialien und Stilrichtungen.
Krippenbau ist meisterhaft
Jede Krippe ist so individuell wie ihre Schöpferin oder ihr Erbauer. Franz Roitner (1867-1938) aus Hollenstein an der Ybbs ist für grob geschnitzte Figuren bekannt, die lange als naiv galten. Heute werden gerade ihre charakteristischen Handhaltungen als besonders ausdrucksstark geschätzt. Eine Anekdote erzählt, dass Roitner seine Werke nicht für Geld verkaufte, sondern lieber gegen Naturalien wie Brot, Fleisch, Butter oder Eier eintauschte.
Auch Kinder und Jugendliche lassen sich für den Krippenbau begeistern: 2024 gestalteten Schüler*innen der Mittelschule Wullersdorf und der Volksschule Hadres unter Anleitung von Krippenbaumeisterin Maria Müller-Pflügl eigene Krippen und präsentierten sie stolz bei Elternabenden.
Wer sich intensiver mit dem Krippenbau beschäftigen möchte, besucht die Kurse der österreichischen Krippenbauschulen oder absolviert die mehrstufige Ausbildung zur Krippenbaumeisterin bzw. zum Krippenbaumeister. Die Lehrgänge reichen vom Bau von Grotten mit verschiedenen Materialien über Technik- und Perspektivenlehre bis hin zur Unterscheidung zwischen heimatlichen und orientalischen Krippen. Auch das Verputzen und farbige Fassen der Gebäudeteile sowie die Symbolik der Farben werden vermittelt: Blau steht für Wahrheit und Ewigkeit, Gold für das Göttliche, Grün für Hoffnung und neues Leben.
In Vösendorf finden regelmäßig Workshops statt, in denen Interessierte unter fachkundiger Anleitung die einzelnen Arbeitsschritte hin zur eigenen Krippe erlernen.
Das 1. NÖ Krippenmuseum ist also auch Werkstatt – ein Ort, an dem mit viel Wissen, Erfahrung und leidenschaftlicher Begeisterung gebaut, restauriert und vermittelt wird. Franz Wostalek, Mitbegründer des Museums und langjähriger Krippenbauer, bringt es auf den Punkt: „Was machen Sie am liebsten beim Krippenbau?“ – „Alles!“ sagt er mit strahlenden Augen.
Der Weg zum Museum war jedoch nicht einfach: Das Gebäude, ein historischer Getreidespeicher, wurde zuvor von einem Altwarenhändler genutzt. Nach dessen Auszug musste der Trödel, der das Haus bis unter die Decke füllte, entfernt und das Innere über mehrere Stockwerke hinweg Schritt für Schritt hergerichtet werden. „Wir wussten gar nicht, wie schwierig es ist, ein Museum aufzubauen“, erinnert sich Franz Wostalek. Das ist nun schon 20 Jahre her. Ebenso lange begleitet Robert Waffler das Museum. Als Achtjähriger schon begleitete er das Ehepaar Wostalek zu einer Krippenexkursion ins Osttiroler Defereggental – seitdem lässt ihn die „Faszination Krippe“ nicht mehr los.
Krippen kennen keine Grenzen
Die erste Krippenaufstellung in Österreich ist für das Jahr 1609 in Innsbruck dokumentiert, schon 40 Jahre später wird eine Weihnachtskrippe im Bürgerspital in Waidhofen an der Ybbs genannt – wohl der früheste Beleg dieses Brauchs in Niederösterreich. Mit der Zeit entwickelten sich vielfältige regionale Ausprägungen, die bis heute gepflegt werden.
Zum Krippenbrauch zählen neben Weihnachtskrippen auch Fasten- und Passionskrippen, heilige Gräber sowie Sommer- und Ganzjahreskrippen. Dabei sind Krippen und ihre Figuren wahre Globetrotter: Figuren aus Nordböhmen gelangten bis nach St. Petersburg, Krippen aus Südtirol bis in die USA. Beim Weltkrippenkongress 2012 in Innsbruck trafen sich Krippenfreunde aus aller Welt. Auch das Krippenmuseum in Vösendorf pflegt internationale Kontakte, etwa zum italienischen Künstler Antonio Pigozzi, der mit seinem Spiel aus Perspektive, Licht und Schatten besonders effektvolle Darstellungen erzielt.
Gloria et pax
“Ehre dem Höheren und Frieden den Menschen”, lautet der Gruß unter Krippenschaffenden weltweit. Viele Welten eröffnen sich, wenn man erkennt, wie viele Geschichten in einer Krippe vereint sind: die Erzählung von Christi Geburt, das handwerkliche Können der Krippenbauenden, deren regionaler Hintergrund sowie ihre Wünsche und Hoffnungen. Vielleicht betrachten Sie nun Ihre eigene Krippe oder eine der vielen in der 3. Landeskrippenausstellung im 1. NÖ Krippenmuseum Vösendorf etwas länger und genauer – und tauchen ein in das faszinierende Universum der “Krippenlandschaft Niederösterreich”!
Text: Barbara Linke
Dieser Artikel erschien in verkürzter Form unter dem Titel "Niederösterreich – ein Land der Krippen" im Schaufenster der Kultur.Region.Niederösterreich, Ausgabe 4/2025
Weiterführende Links:
- 1. NÖ Krippenmuseum, Vösendorf
- 3. NÖ Landeskrippenausstellung 2025 (bis 6.1.2026)
- Krippenspiel-Museum, Traismauer
- Winterausstellung: Das St. Pöltner Krippenspiel, Museum am Dom (bis 1.2.2026)
- Schaufenster der Kultur.Region.Niederösterreich





