♪ Karl Schiske – Ein Komponist der Moderne ♪
Diese digitale Ausstellung ist Teil der Reihe “Orte der Musik” und widmet sich dem Komponisten Karl Schiske, einer Schlüsselfigur der österreichischen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Am 12. Februar 2026 jährt sich sein Geburtstag zum 110. Mal.
Kennen Sie Karl Schiske?
Drei Generationen von Musiker*innen und Komponist*innen verehren ihn als Wegbereiter der Moderne, doch einem breiteren Publikum sind seine Werke kaum geläufig. Wohl auch, weil diese nach seinem frühen Tod 1969 nur selten aufgeführt wurden.
Karl Schiske begann seine Komponistenlaufbahn Ende der 1930er Jahre und begab sich zum Komponieren regelmäßig in die Berge und in die Orther Donauauen. Er beschäftigte sich neben der Zwölftonmusik der Wiener Schule u.a. auch mit dem Chorgesang des Mittelalters und dem Goldenen Schnitt der Renaissance-Zeit: „Alles soll mit allem verbunden sein“, war sein Ziel.
Gestatten, Karl Schiske:
Musik – auch im Krieg
Geboren wurde Karl Schiske am 12. Februar 1916 im damals noch zur Donaumonarchie gehörigen Raab (heute Györ/Ungarn). Sein Vater, der Maschinenbauingenieur und Erfinder Rudolf Schiske, war zu dieser Zeit als Leiter der Automobilabteilung bei der Raaber Waggonfabrik tätig. 1918, mit Zusammenbruch der österreichisch–ungarischen Monarchie, musste die Familie Ungarn verlassen und zog 1919 nach Orth an der Donau, wo schon der Großvater Carl als Oberförster heimisch war. 1922 besuchte Karl Schiske hier die 1. Volksschulklasse. 1923 zog die Familie nach Wien – die Verbindung zu Orth blieb jedoch weiterhin bestehen.
Karl Schiske erbte von seinem Vater die Vorliebe für Technik und Physik und widmete sich neben seiner musikalischen Ausbildung (Klavier und Komposition) auch dem Studium der Physik (Akustik). Über seinen Lehrer Ernst Kanitz gehörte er noch der Wiener „Schreker-Schule“ an und schloss in seinen Werken, die bis in die 1940er Jahre entstanden, an die neoklassizistische Orientierung an. Ab 1939, noch während seiner Studienzeit, führte das Stadtorchester der Wiener Symphoniker frühe Werke Schiskes im Wiener Musikverein und im Konzerthaus auf. 1942 promovierte Karl Schiske, der Titel seiner Arbeit lautete „Zur Dissonanzverwendung in den Symphonien von Anton Bruckner“.
1943 wurde er zur deutschen Wehrmacht eingezogen, komponierte aber auch während seiner Militärzeit. Nach 1945 begann Schiskes vielleicht fruchtbarste Schaffensphase – unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges entstand sein Hauptwerk, das Oratorium „Vom Tode“. Es wurde 1948 unter Karl Böhm im Wiener Konzerthaus uraufgeführt.
Schiske selbst schreibt dazu:
„Das Werk ist dem Andenken meines Bruders Dr. Hubert Schiske gewidmet, der als Arzt im Herbst 1944 bei Riga fiel. Es entstand 1946 in Groß-Sölk in der Obersteiermark. Obwohl es „Vom Tode“ heißt, hat es viel Leben in sich: Die ernste Grundstimmung wird immer wieder von freudigen und spielerischen Aspekten erhellt und durch starke Impulse belebt.
Das Wort Rilkes „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod, das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not“ zieht sich musikalisch wie ein Thema mit Variationen durch das ganze Werk. […] Als ich den Text des Oratoriums 1945 unmittelbar nach dem Ende des furchtbaren Kriegs aus zum Teil in meinem Notizenbuch mitgetragenen Gedichten zusammenstellte, ergab sich die Form und der Jahreszeitenablauf wie von selbst. Mit der Musik trachtete ich die Dichtungen verschiedener Autoren noch mehr zu verschmelzen. […] So erscheint der Tod in vielerlei Bildern hinter den bunten Erscheinungen der Welt, hineingreifend ins Leben, oder nur ein dunkler Schatten, der in der Natur hineinfällt, eine große Macht, das Rätsel und der Sinn des Lebens, die dunkle Nacht, an die das Leben gebunden ist. [...]“
Zitat: Karl Schiske (gekürzt)
Als freischaffender Komponist lebte Karl Schiske in der Steiermark, unterbrochen von Aufenthalten in Wien und Orth und gab privat Musikunterricht, bis er 1952 als Kompositionslehrer an die Wiener Musikhochschule berufen wurde.
Innovativer Brückenbauer, legendärer Lehrer
Das Schaffen von Karl Schiske umfasst 51 Werke. Er spannt eine Brücke von der großen klassischen und romantischen Musiktradition Österreichs hin zu den modernen Strömungen des 20. Jahrhunderts. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg war der Einfluss vieler ehemaliger Nazi-Funktionäre nach wie vor stark und sorgte für ein entsprechendes Klima in Kultur und Wissenschaft. Jedoch war Karl Schiske keiner, der dem konservativen Geist entsprach. Seine eigentliche Bedeutung beruhte darauf, dass er nach 1945 wie kein anderer österreichischer Komponist seiner Generation die internationale Produktion verfolgte und geradezu systematisch die Entwicklungsschritte der zeitgenössischen Musik in seinem Schaffen verarbeitete, indem er sich nacheinander mit Hindemith, Strawinsky, Schönberg, Webern, Stockhausen und selbst noch Cage auseinandersetzt. Dabei wahrte Schiske stets seine Eigenständigkeit, die sich in einem auf Erneuerung zielenden Traditionsbezug manifestierte (und von ihm selbst mit dem schillernden Begriff „Synthese“ bezeichnet wurde).
Schiskes Werke umfassen nahezu sämtliche Gattungen, darunter fünf Symphonien, Kammermusik, Lieder, Klavier- und Orgelwerke, Chormusik, Werke für Kammerensemble, ein Violinkonzert, die Messe »Cunctipotens Genitor Deus« und das Divertimento „Transformationen im goldenen Schnitt für 2+3+5 Instrumente“, op. 49. Karl Schiske war in der Zeit nach 1945 einer der meistaufgeführten Komponisten Österreichs – nicht nur im Inland, auch international wurden seine Kompositionen gespielt, so u. a. in Paris, Havanna, Los Angeles, Upsala, Zagreb, New York, London, Edinburgh und Perugia.
Karl Schiske wirkte ab 1952 als einer der wohl prägendsten Lehrer an der Musikhochschule in Wien: die “Schiske-Klasse” umweht heute noch ein legendärer Ruf. Die Vermittlung der aktuellen Tendenzen des zeitgenössischen Komponierens und die Diskussion, die Raum für individuelle Entfaltung bot, prägten seine Lehrtätigkeit.
Während seiner 16jährigen Lehrtätigkeit bildete Schiske 271(!) Studentinnen und Studenten aus. So waren alle wichtigeren österreichischen Komponisten der Folgegeneration entweder seine Schüler (etwa Iván Eröd, Günter Kahowez, Gösta Neuwirth, Kurt Schwertsik, Erich Urbanner, Otto M. Zykan) oder standen – wie Friedrich Cerha und Anesthis Logothetis – mit ihm in Verbindung. Er wirkte über Österreich hinaus durch eine Reihe von ausländischen Schülerinnen und Schülern (Charles Boone, Ruth McGuire, Antony Hughes, Luca Lombardi, Gunnar Sönstevald) und eine Gastprofessur 1966/67 an der University of California in Riverside (USA).
Karl Schiske und sein Schülerkreis:
Zu seinen „institutionellen“ Initiativen zählte Schiskes unermüdlicher Einsatz, um österreichischen Studierenden die Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik zu ermöglichen. Daneben gelang ihm die Gründung eines Studios für elektronische Musik an der Wiener Musikakademie: bereits 1955 entwickelte er gemeinsam mit dem Pianisten und Produzent Karl Wolleitner Pläne für dieses Studio, welches letztlich 1958/59 realisiert wurde und möglicherweise das überhaupt erste Studio an einer Musikakademie in Europa war.
1962 wurde Karl Schiske zum außerordentlichen, 1968 zum ordentlichen Professor an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien ernannt. In den 1960er Jahren wurde er zu zahlreichen Kongressen und als Juror zu Wettbewerben eingeladen, unter anderem: Komponisten-Kongress Stratford (Ontario, USA; 1960), Kongreß „East and West in Music“ (Teheran, IRAN; 1961), Kongress des „Music Information Center“ (Stockholm, Schweden; 1962), Kompositionswettbewerb der Jeunesse Musicale (Beirut, Libanon; 1966). Darüber hinaus war Schiske auch im Vorstand der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik.
Tod und Ehrungen
Gleich nach Kriegsende hielt sich Schiske wieder vermehrt in Orth an der Donau auf. Zu dieser Zeit lernte er auch seine spätere Frau Bertha Baumhackl kennen, eine Großnichte des Orther Heimatforschers Hofrat Dr. Friedrich Baumhackl. Sie heirateten 1954, der Ehe entstammten vier Kinder. Die Familie wohnte am Kirchenplatz im sogenannten Baumhackl-Haus. An Orth liebte Schiske ganz besonders die Natur und oft konnte man ihn bei seinen Spaziergängen in der Au oder bei Bootsfahrten an der Donau antreffen.
Karl Schiske starb unerwartet am 16. Juni 1969 im Alter von nur 53 Jahren an den Folgen einer Gehirnblutung.
Der heute nur sehr selten aufgeführte Komponist war zu seinen Lebzeiten geachtet und der österreichische Staat zeichnete ihn mit zahlreichen Preisen und Ehrungen aus:
u.a. Preis der Stadt Wien für Tonkunst (1950), Österreichischer Staatspreis für das Oratorium “Vom Tode” (1952), Verleihung des Titels Professor (1954), Theodor-Körner-Preis und Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (1960), Großer Österreichischer Staatspreis (1967), Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1968) sowie Kulturpreis des Landes Niederösterreich –Würdigungspreis (1970 posthum).
Erinnerungen an Karl Schiske:
Karl Schiske im museumOrth
Das museumOrth beherbergt heute einen Gedenkraum, der Karl Schiske gewidmet ist. Das Highlight der Ausstellung ist ein „verschollener“ Bösendorfer Flügel, auf dem der junge Karl Schiske seine ersten Kompositionen spielte. Der Flügel wurde in den steirischen Alpen wiederentdeckt und fand seinen Weg nach Orth an der Donau.
Nach Kriegsende lebte Karl Schiske als freischaffender Komponist in Wien mit längeren Aufenthalten in Oberösterreich, der Steiermark, Salzburg und Orth an der Donau. Gönnerin und Förderin Schiskes zu jener Zeit war Rita Schuller-Götzburg aus Großsölk/Steiermark, der Schiske eine Vielzahl an Kompositionen widmete. Im Zeitraum von 1937–1957 kam er regelmäßig als Gast auf den Oppenauer Hof, wo sich der ausgestellte Bösendorfer Flügel befand. Auf diesem entstanden 1946 das Oratorium “Vom Tode” sowie die II. und die III. Symphonie.
Freundschaft mit Carl Unger
Die Freundschaft von Karl Schiske mit dem Maler Carl Unger (1915-1995) war eine echte Schulfreundschaft, geschlossen im Gymnasium Albertgasse im 8. Wiener Gemeindebezirk, die – wie so viele Schulfreundschaften – ein Leben lang andauerte. Schiske wie Unger wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Lehrer an der Akademie für angewandte Kunst (1950; heute: Akademie für angewandte Kunst Wien) und an der Akademie für Musik und darstellende Kunst (1952; heute: mdw – Akademie für Musik und darstellende Kunst Wien). Beide prägten parallel ihre Institutionen durch herausragende Schülerinnen und Schüler.
Karl Schiske wurde öffentliche Anerkennung in den zahlreichen Auszeichnungen zuteil, während Carl Unger diese in der Wahl zum Rektor der Hochschule für angewandte Kunst in Wien fand (1971-1975). Schiskes früher Tod (1969) zerriss das freundschaftliche Band, allerdings pflegte Schiskes Witwe Bertha den Kontakt bis zum Tode der Ungers weiter.
Das Plattencover zur Aufnahme des Oratoriums „Vom Tode“ op. 25, das 1986 herausgegeben wurde, verwendet ein Aquarell Carl Ungers. Das Kammerkonzert op. 28 von 1949 widmete Karl Schiske „meinem lieben Freund Carl Unger und seiner Frau Maria“.
Am 12. Februar 2026 hätte Karl Schiske seinen 110. Geburtstag gefeiert und wir laden Sie ein, diesen großen Meister der Musik (wieder) zu entdecken! Neben dem „verschollenen“ Bösendorfer Flügel können Sie die vielen Zeugnisse seines Schaffens digital hier im DIP.katalog online entdecken und den Gedenkraum zu seinen Ehren im museumORTH besuchen.
Text: Hilde Fuchs
Informationen und weiterführende Links:
- museumORTH
- Orte der Musik: Musik in niederösterreichischen Regionalmuseen und Sammlungen
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