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Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Goldene Zwanziger, reloaded?

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Vanessa Staudenhirz und Benedikt Wallner kuratierten mit Hannes Schiel (nicht im Bild) die Ausstellung im Stadtmuseum Neunkirchen.

Wie wird man einmal auf die 2020er Jahre zurückblicken? Wie werden sie Kunst und Kultur beeinflussen und wie werden umgekehrt Kunst und Kultur diesen Jahren mit allen Herausforderungen und Ungewissheiten Ausdruck verleihen?

Werden die 2020er gar - wie vor 100 Jahren -  zu „Goldenen Zwanzigern"? Diese schillernde Epoche und ihre Künstler dokumentiert eine faszinierende Ausstellung in Neunkirchen. 

In diesem reich bebilderten Artikel finden Sie viele Objekte aus der Ausstellung. Diese und viele weitere Stücke können Sie außerdem im DIPkatalog des Museumsmanagement Niederösterreich ganz bequem online einsehen.

 

Theresia Aberl war Textilarbeiterin, doch was die junge Frau begeisterte, war die große Leinwand. So zog sie gemeinsam mit ihrem Mann zunächst ein Wanderkino auf, dann betrieb sie mit dem „Neunkirchner Biograph“ das erste Filmtheater in Neunkirchen. „Als sich 1921/22 die Wirtschaft wieder stabilisierte, war das sogenannte Aberlkino für die Einheimischen eine Möglichkeit rauszukommen, sich sonntags fein zu machen um ins Ton-Kino zu gehen. Für die Menschen waren das die ersten bewegten Bilder“, sagt Vanessa Staudenhirz, Kustodin am Städtischen Museum.

Zu dieser Zeit war auch ein gewisser Dr. Krüger, Anwalt aus Wien, nach Neunkirchen gekommen, der unbedingt einmal in seinem Leben Theaterdirektor sein wollte, und so gründete er kurzerhand sein eigenes Haus. Binnen weniger Monate organisierte er ein Ensemble, darunter sogar einige Burgschauspieler, ein paar Musiker, und schon hob sich der Vorhang im „Theater im Biewaldgasthaus“, das bis Ende der Zwanzigerjahre florierte „Bis 1929 waren die Vorstellungen sehr gut besucht. Dann wurde der Betrieb wohl aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt“, sagt Stadtarchivar Benedikt Wallner, „und seither wurde nie wieder versucht, ein Theater in Neunkirchen zu etablieren.“

Das Manchester Niederösterreichs

Es war dieses kulturelle Aufblühen von Theater, Tanz, Kino, Kaffeehäusern oder Varietes, von Schauspielern, Malern, Musikern, Dichtern, Literaten oder Philosophen, die den 1920er Jahren später den Titel „Die Goldenen Zwanziger“ einbrachte. Die Erschütterungen der Nachkriegszeit mit Not, Hunger und Inflation wurden langsam überwunden und da auch die Arbeiter aufgrund des erkämpften Acht-Stunden-Tages zum ersten Mal etwas Freizeit hatten, kam dies der Kultur zugute.

 

Eine zweiteilige Ausstellung im Stadtmuseum Neunkirchen fängt genau diese Epoche in beeindruckenden Porträts einzelner Persönlichkeiten und Geschichten am Beispiel des südlichen Niederösterreichs ein. Während Neunkirchens Textilbetriebe die Stadt in den Zwanzigern noch einmal zum „Manchester des südlichen Niederösterreichs“ machten, brachte das Stadttheater fast wöchentlich neue Stücke auf die Bühne, wurden Kinos und Tanzveranstaltungen geradezu überrannt, wurde der mondänen Mode gefrönt und dutzende Vereine von der Faschingsgilde bis zu den Naturfreunden sorgten für ein reiches Kulturleben.

 

Die kulturelle Hochblüte färbte auch auf das Selbstbewusstsein der Stadt ab. So war man wieder stolz auf die eigene Geschichte, erste archäologische Grabungen wurden in Angriff genommen.

Fritz Weninger, der nach dem Studium bei Prof. Koloman Moser in Wien als Mitglied des Wiener Künstlerhauses grandiose Linol- und Holzschnitte, Radierungen, Aquarelle und Ölbilder schuf, wurde 1925 zum Restaurator und Konservator des Bundesdenkmalamts für das Land Niederösterreich berufen, spezialisiert auf die Konservierung früher Fresken, Sgraffiti und Fassaden.

Ehrenamtlich organisierte Fritz Weninger zudem auch die Wiederaufstellung und Neueröffnung des Städtischen Museums sowie des Stadtarchivs Neunkirchen.

Von Neunkirchen aus zu Weltruhm

Ein schillernder Künstler brachte es von Neunkirchen aus gar zu damaligem Weltruhm. Schon mit 18 stellte der „Musical Artist“ Josef Portugaler das erste Neunkirchner Schrammelquartett zusammen, das auf Bällen und Umzügen ebenso aufspielte wie sonntags im Lamplwirtshaus am Hauptplatz. Die gute Bekanntschaft mit dem Kapellmeister des Hoch- und Deutschmeister-Regiments Nr. 4, Carl Ziehrer, brachte ihm die Einladung ein, bei dessen Konzerten auf der Weltausstellung in Chicago mitzuwirken und mit Ziehrer auf Amerika-Tournee zu gehen. Mit Ziehrers Ernennung zum Hofballmusikdirektor verhalf er Portugaler zu einer Europa-Tournee, die ihn von Messina bis Spitzbergen führte. Zu dieser Zeit legte er sich den Künstlernamen Joseph Portugal zu, als „Musical Artist from Lower Austria“ spielte er auf gleich 22 verschiedenen Instrumenten, von der Harmonika bis zu Gläsern, Töpfen und Tellern. In den USA und der Welt wird der Neunkirchner mit seiner Show berühmt, zuhause vergessen.

Buch (Roman)

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Städtisches Museum Neunkirchen | Stadtarchiv
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Filmklappe

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Städtisches Museum Neunkirchen | Sport
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Schulgeige Ludwig Wittgenstein

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Städtisches Museum Neunkirchen | Musik
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Städtisches Museum Neunkirchen | Stadtarchiv
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Hans Sterneder begab sich 1911 auf die „Walz“ durch Europa, wo er den Schriftsteller Peter Rosegger kennenlernte. Über dessen Empfehlung finanzierte ihm ein Autorenkollege die Ausbildung zum Lehrer, die ihm schließlich eine Stelle in Gloggnitz einbrachte. 1921 konnte Hans Sterneder sein Erstlingswerk „Bauernstudent“ verlegen – und wurde gleichsam über Nacht als „neuer Adalbert Stifter“ auf den Olymp des Schriftstellertums befördert.

Georg Wimmer, als Bergbauernkind bei Haßbach im Bezirk Neunkirchen geboren, wurde zu einem der bekanntesten Kupferstecher. Johann Willibald Nagl zum Herausgeber einer vierbändigen deutsch-österreichischen Literaturgeschichte. Und Ludwig Wittgenstein, der 1920 als Volksschullehrer in den Bezirk kam, stieg später zum Philosophen von Weltrang auf.

Das Haus der Wunder

Ernst Matzke wiederum schuf das „Haus der Wunder“, eine der größten paläontologischen Sammlungen Niederösterreichs, die neben 3000 Fossilien und Mineralien auch über 1000 Präparate von Tieren und Pflanzen umfasst. Weil sich seine Eltern aufgrund des mageren Einkommens keinen Studenten leisten konnte, begann Ernst Matze 1919 in der Rohrbacher Spinnerei zu arbeiten. Seine gesamte Freizeit aber widmete er der Suche nach und dem Sammeln von Fossilien, Tieren und Pflanzen. Dafür bereiste er mit dem Fahrrad den ganzen Bezirk, bildete sich im Selbststudium zum Experten heran und wurde rasch zum gefragten Ratgeber der Direktoren des NÖ Landesmuseums und des Naturhistorischen Museums. Eine von ihm entdeckte fossile Krebsart trägt gar seinen Namen: Calappa matzkei.

Text: Andrea Kuba

Der Autor ist Projektmanager bei der Kulturvernetzung Niederösterreich.

 

Gipsmodell Fliegenpilz

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Städtisches Museum Neunkirchen | Naturkunde
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Gipsmodell schwarze Trüffel

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Städtisches Museum Neunkirchen | Naturkunde
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Gipsmodell Parasol

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Ammonit aus Lahming (Schneeberg)

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Städtisches Museum Neunkirchen | Paläontologie
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SONDERAUSSTELLUNG "NEUNKIRCHENS GOLDENE ZWANZIGER"

Teil 1: Neunkirchner Persönlichkeiten (bis 11. September 2022)

Teil 2: Von Aufbrüchen und Umbrüchen (1. Oktober 2022 bis 26. Februar 2023)

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Städtischen Museums Neunkirchen.

Wer noch länger in den Goldenen Zwanzigern verbleiben will, findet Objekte aus dieser Epoche - passend zum Jubliläumsjahr "100 Jahre Niederösterreich" -  im DIP.katalog eigens zusammengefasst. Wir wünschen viel Spaß beim Schmökern!