DE
Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Eine Begegnung an der tschechisch-österreichischen Grenze, die Literaturgeschichte schreibt

Ausstellungen und Veranstaltungen

Marke mit Stempel, gelaufen 1920

 


Vor genau 100 Jahren, am Wochenende vom 14. zum 15. August 1920, kam es zur Begegnung von Franz Kafka und Milena Jesenská in Gmünd.

Die tschechische Journalistin und Übersetzerin aus Wien und der deutschsprachige Versicherungsangestellte und Schriftsteller aus Prag wollten einander auf halbem Weg treffen. Ihre Begegnung findet an einem Ort und in einer Situation statt, die man mit nur einem Wort beschreiben könnte, das erst später in den weltweiten Sprachgebrauch kommen sollte: kafkaesk.


Eine Liebe

Im April 1920 beginnt zwischen Franz Kafka und Milena Jesenská ein höflicher, dann immer intensiver und vertrauter werdender Briefwechsel, der eine tiefe Liebe zueinander entfacht, sodass eine persönliche Begegnung wohl unausweichlich geworden war, ängstlich von beiden ersehnt. Sie verbringen Ende Juli vier gemeinsame Tage in Wien und beschließen, einander bald wieder persönlich zu treffen. Die Kleinstadt Gmünd bietet sich dafür an, die Begegnung findet von Samstag, den 14. August bis zum Sonntag, den 15. August 1920 statt. Sie buchen im Hotel Huber beim Bahnhof je ein Zimmer.

Eine Stadt

Die Kleinstadt Gmünd – an der Franz Josefs-Bahn zwischen Prag und Wien gelegen – hatte damals etwas von dem Flair der großen Welt, mit einem außerhalb der Stadt liegenden Bahnhof, der mit elektrischem Licht und Fußgängerunterführungen ausgestattet zu den modernsten in Europa gehörte. Bald wurden aber die Resultate der Friedensverhandlungen von Saint-Germain an der deutschösterreichischen-tschechoslowakischen Grenze in die Realität umgesetzt. Der Bahnhof befand sich nun in der Tschechoslowakei in Cmunt v Czechách (Gmünd in Böhmen), wie der Ort für kurze Zeit hieß, ehe er den Namen České Velenice erhielt.

Eine Begegnung

Er ist noch nach Gmünd gekommen mit der Vorstellung, sie könnten wirklich ein Paar werden. Als die tschechischsprachige Pragerin Milena Jesenská am 14. August 1920 mit dem Zug nach Gmünd fuhr, galt sie als Österreicherin, weil sie verheiratet in Wien lebte. Sie brauchte daher kein Visum, weil der Bahnhof Gmünd zwar in der Tschechoslowakei lag, aber österreichisch war. Der deutschsprachige Franz Kafka lebte in Verlobung in Prag und brauchte hingegen ein Visum, obwohl er die Tschechoslowakei nicht verlassen musste, um zum Bahnhof Gmünd zu gelangen. Nach ihrem Treffen sehen beide keine Möglichkeit auf ein gemeinsames Leben, vieles an ihrer Liebe wird gesagt und geschrieben, bleibt aber letztendlich unbelebt.

Diese schicksalhafte Begegnung der beiden Liebenden in Gmünd fand ihren Niederschlag in den „Briefen an Milena“ und damit Eingang in die Weltliteratur. Der deutschsprachige Jude Franz Kafka und die tschechischsprachige Katholikin Milena Jesenská sind Symbolfiguren für Verständnis und Liebe in der Überwindung von Grenzen.

Autor: Thomas Samhaber

 


 

Veranstaltungstipp:

Im Juli 2021 wird den beiden Protagonisten das Kulturfestival ÜBERGÄNGE PŘECHODY mit zahlreichen Veranstaltungen ein Denkmal setzen. Aber schon heuer – zum 100-Jahrjubiläum – findet am 23. August 2020 in Gmünd und České Velenice eine kleine Wanderung und Lesung statt.

 

Im Verlag Bibliothek der Provinz erscheint in diesen Tagen das Buch:

Begegnung an der Grenze. Milena Jesenská und Franz Kafka in Gmünd. Ein Lesebuch mit einem lokalhistorischen Panorama.
190 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-99028-959-4, Verlag Bibliothek der Provinz.