Ein unerwarteter Schatz
Vielleicht hat die Numismatik, also das Sammeln von Münzen, auf den ersten Blick für viele Menschen etwas Verstaubtes und "Nerdiges" an sich, so ein bisschen wie Briefmarkensammeln. Da kann man sich sicherlich etwas Spannenderes vorstellen. Ich als Archäologe sehe das aber definitiv anders! Münzfunde auf Grabungen sind immer eine kleine Sensation und obwohl es sich selten um Silber oder Gold handelt, sind Münzen an sich besondere Objekte, weil mit ihnen die Vergangenheit lebendig wird.
Auch in den mittlerweile zahlreichen Sammlungen, die ich bis jetzt inventarisieren und digitalisieren durfte, war die Numismatik immer sehr interessant für mich. Wobei ich es aber vorwiegend eher mit den sogenannten “münzverwandten Objekten” zu tun hatte, also in erster Linie Medaillen, Jetons und Marken. Es waren leider nie wirklich viele Münzen in den Beständen der Museen, in denen ich bis jetzt tätig war. Dies sollte sich 2025 ändern...
Aufruf: Museumsarbeit hinter den Kulissen
Im Jahr 2025 gab es einige grundlegende Veränderungen im Stadtmuseum Hollabrunn "Alte Hofmühle", durch die dieses Jahr sicherlich als ein historisches Jahr sowohl für das Museum als auch für den Museumsverein bezeichnet werden kann. Das Vorstandsteam des Vereins mit einer engagierten Obfrau wurde neu zusammengestellt. Damit konnte begonnen werden, das Museum umzugestalten und wieder zu beleben. Ziel soll es sein, das Museum in der alten Hofmühle in Zukunft zu einem aktiven Museum und einem Ort des Dialoges und der Wissensvermittlung zu machen.
Der erste Schritt war ein Aufruf der Obfrau auf Social Media zur aktiven Mitarbeit von engagierten Interessenten. Dem musste ich natürlich folgen und ich beschloss, mein Fachwissen einzubringen. Die Umgestaltung sollte nämlich nicht nur die Ausstellungsräume betreffen, sondern vor allem das Depot und damit alle nicht ausgestellten Museumsobjekte. Es wurde beschlossen, die Inventarisierung und Digitalisierung der Bestände weiterzuführen, welche bereits vor einigen Jahren bei der großartigen und einzigartigen Sammlung der sogenannten “Habaner-Keramik” begonnen hatte.
Es begann als Inventarisierung ...
Unterstützt vom Museumsmanagement Niederösterreich begann nun also das nächste Inventarisierungsprojekt. Dafür wurde zuerst eine vermeintlich überschaubare Teilsammlung ausgewählt, nämlich die im Museum befindliche Sammlung von Münzen, Medaillen und dem sogenannten Notgeld. Umfang und Anzahl der einzelnen Objekte waren leider völlig unbekannt, es sollte aber angeblich nicht viel sein. Schon bei einer ersten Durchsicht erkannte ich jedoch schnell, dass es sich doch um eine umfangreichere Sammlung als zunächst angenommen handelte.
Der Gesamtzustand war allerdings nicht optimal, teilweise waren viele Münzen zusammen in kleine Schachteln geschüttet worden. Die damals sorgfältig hergestellten Beschriftungszettelchen lagen verstreut herum und waren nicht mehr zuordenbar. Es galt also zunächst, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Ich trennte erst einmal die Münzen von den sonstigen Objekten, denn es gab in den Schachteln auch eine große Anzahl an Medaillen, Ansteckern und Gedenkmünzen. Danach erfolgte eine grobe chronologische Sortierung der Münzen, um sie leichter und effektiver bestimmen und inventarisieren zu können. Zur Erfassung in einer Datenbank wurde jedes einzelne Objekt zuerst mit einer Inventarnummer versehen, dann beidseitig fotografiert, beschrieben und bestimmt.
... und führte zu einem Schatz
Im Laufe dieses Prozesses kamen dabei immer mehr Münzen zum Vorschein. Es gab zum Beispiel eine Kiste, in welche Kuverts mit Münzen aus dem 19. und 20. Jahrhundert einsortiert waren. Als ich diese herausnahm, musste ich feststellen, dass der gesamte Boden dieser Kiste mit kleinen Silbermünzen aus dem 16. und beginnenden 17. Jahrhundert bedeckt war! Mir wurde nach und nach bewusst, dass es sich hier wider Erwarten um eine sehr umfangreiche und großartige Sammlung handelt.
Überraschende Ergebnisse
Schlussendlich kamen wir auf stolze 1595 einzelne Münzen! Mehr als die Hälfte der Münzen besteht aus Silber, etwa ein Drittel aus Kupfer und der Rest aus anderen unedlen Metallen. Die meisten Stücke stammen aus den ehemaligen habsburgischen Ländern wie Ungarn, Böhmen, Schlesien und natürlich Österreich. Es finden sich aber auch zahlreiche Exemplare aus Süddeutschland und aus der Schweiz. Dazu kommen noch einige Prägungen aus Bistümern, wie zum Beispiel aus Salzburg, Brixen, Olmütz oder Breslau. Der Großteil der Objekte verteilt sich auf einen Datierungszeitraum vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Damit ergibt sich ein repräsentativer Überblick über die Münzgeschichte der Neuzeit.
Und jede einzelne Münze, ob nun eine Schilling-Gedenkausgabe aus dem 20. Jahrhundert oder ein Pfennig aus dem Hochmittelalter, trägt ihre eigene Geschichte in sich:
Ein ganz besonderer Fund: ein Wiener Pfennig
Die älteste Münze aus der Sammlung wurde um 1300 geprägt und erzählt uns etwas über das Leben im Mittelalter. Sie ist aus sehr dünnem Silberblech gefertigt und nur auf einer Seite geprägt. Die Kaufkraft dieser Münze war eher gering. Der sogenannte “Wiener Pfennig” war aber über den österreichischen Raum hinaus bis nach Bayern im Norden und Florenz im Süden sehr beliebt und wurde im Handel gerne angenommen.
Freiheitskampf auf Münzen
Die spannende Geschichte des ungarischen Freiheitskampfes unter der Führung von Franz II. Rákóczi von 1703 bis 1711 spiegelt sich ebenfalls in Münzen aus der Sammlung wider. “PRO LIBERTATE” ("Für die Freiheit") steht auf den von den Aufständischen geprägten Münzen geschrieben. Trotz anfänglicher Erfolge war dieser Freiheit keine lange Dauer beschieden und die Rebellen mussten sich recht bald geschlagen geben.
Illegale Zahlungsmittel
Dass es bei der Münzprägung nicht immer ganz korrekt zuging, sehen wir bei den Groschen, die unter Paul Sixtus Freiherr von Trautson geprägt wurden. Er stach besonders durch sein gewinnorientiertes Münzwesen heraus, das symptomatisch für die aufkommende Finanzkrise der folgenden Jahre war. Ab 1617 verpachtete er sein Prägerecht, obwohl das eigentlich verboten war. Die in der Sammlung befindlichen Münzen sind damit eigentlich illegal geprägt!
Text: Thomas Atzmüller
Der Autor ist Archäologe und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Stadtmuseum Hollabrunn "Alte Hofmühle".
Weiterführende Links:
- Stadtmuseum Hollabrunn "Alte Hofmühle"
- DIPkatalog: niederösterreichische Sammlungen entdecken






