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Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Digitalisierung im lokalen Museum

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Digitalisierung in kleinen, regionalen Museen – wie kann das funktionieren?
Für wen sollen und wollen wir das überhaupt machen? Ein spannender Werkstattbericht aus dem nördlichen Weinviertel.

 

Die Ausgangssituation

Wohl jedes Museum hat mit seinen ganz eigenen besonderen Anforderungen und Hürden zu kämpfen. Auch das Otto Berger Heimatmuseum in Bernhardsthal befand sich bis vor kurzem in einer sehr herausfordernden Situation: Innerhalb ganz kurzer Zeit verstarben zwei der prägendsten Museumsmenschen und stellten das ehrenamtliche Team vor viele Fragen. Das große Glück in Bernhardsthal ist die Unterstützung, welche die Museumsmitarbeitenden durch den lokalen Dorferneuerungsverein erfahren und auch durch die Gemeinde, die sogar eine alte Schmiede als Gebäude zur Verfügung stellt.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich das Museumsteam nun mit der Sammlung, ihrer digitalen Erfassung, der Sicherung und – ganz wichtig! – öffentlichen Vermittlung. 

Ein Dorf – viel Geschichte – viel zu erzählen

 

Auf der einen Seite ist Bernhardsthal mit knapp über 1000 Haupt- und Nebengemeldeten ein eher durchschnittlicher Ort in Niederösterreich. Zum anderen aber haben eine Reihe von faszinierenden Umständen dazu geführt, dass sich im dortigen Gebiet eine erstaunlich vielfältige Geschichte von rund 7000 Jahren durch archäologische Funde und zeitgeschichtliche Dokumente nachzeichnen lässt, vom Beginn der Sesshaftwerdung bis in die Gegenwart.

 

Wo Ghega für den Semmering übte

Das lokale Museum dokumentiert diese Vielfalt bemerkenswert komplett. Der Bogen spannt sich von den Ausgrabungen eines international renommierten neolithischen „Hundegrabs“, eines der frühesten Zeugnisse für die enge Beziehung zu diesen treuen Begleitern der Menschen überhaupt, über bronze- und eisenzeitliche Funde von Hügelgräbern aus der Hallstattzeit, frühmittelalterlichen Siedlungen in gut dokumentierten Ausgrabungen im Landschaftsteich bis hin zu wichtigen Zeugnissen der Industrialisierung. So findet sich in Bernhardsthal die erste und als einzige nach wie vor in Betrieb stehende Viaduktbrücke der österreichischen Bundesbahnen. Diese Brücke stammt vom Architekten der Semmering Bahn, dem albanisch-stämmigen Carl Ritter von Ghega. Hier in Bernhardsthal, so heißt es, "hat er für die hohen Berge geübt." Auch die Erdöl- und Gasförderung mit Bohrtürmen, die noch in der 1960ern den Mühlberg als einen Hügel in Texas erscheinen lassen, wird nicht vergessen und mit anschaulichem Fotomaterial dokumentiert.

Die reichhaltige volkskundliche Sammlung erzählt ergänzend dazu die Geschichte von Landwirtschaft, Handwerk, Gewerbe und ebenso – zumindest in Ansätzen – die Besonderheiten einer Gemeinde, die spätestens seit 1918 auch Grenzgemeinde ist.

Nachfolge gesucht!

Von 2020 auf 2021 verstarben innerhalb nur eines Jahres zwei für das Museum sehr prägende Persönlichkeiten, Herald Gessinger und Friedel Stratjel. Sie hatten das Museum in Bernhardsthal von dessen Gründer Otto Berger übernommen und insbesondere im Bereich archäologischer Grabungen bemerkenswert erweitert. Zum einen unterstützten sie die Fortführung weiterer Ausgrabungen und dokumentierten die gewonnenen Erkenntnisse in einer Reihe von Publikationen (Friedel Stratjel); um anderen arbeiteten sie die Fülle der so entstandenen Materialien auf und digitalisierten diese Daten systematisch in einer großen "Inventardatenbank“ (Herald Gessinger).

Die Zusammenschau und Beschreibungen wurden auf einer umfassenden Museumswebsite öffentlich zugänglich gemacht. Der „Fundus“ aber, die Inventardatenbank selbst, blieb aufgrund der sowohl technischen wie auch persönlichen Möglichkeiten der beiden Betreuer nur einem sehr kleinen Kreis von Nutzer*innen zugänglich.

Vor diesem Hintergrund stellte sich die durchaus herausfordernde Frage: Was können wir, ja, was wollen wir vom Otto Berger Heimatmuseum mit diesen Wissensbeständen machen, um die geleistete Aufbauarbeit für künftige Nutzungen zu sichern? Wie können wir diese darüber hinaus auch für neue Verwendungen und neue Zielgruppen öffnen? Neben dem kleinen Interessentkreis aus der Fachwelt wünschen wir uns nämlich auch die breite Vermittlung dieser faszinierenden regionalen Geschichte aus der Frühzeit bis in unsere Gegenwart!

 

 

DIP – und wir: Einladung und Herausforderung zu definieren, was wir wollen

Mit der Trauer über den Verlust der beiden Animatoren hinter dem ausgreifenden Ausbau des Museums in Bernhardsthal, Friedel Stratjel und Herald Gessinger, stellte sich rasch die Frage: Was können und müssen wir tun, um das Museum und seine Sammlung nicht nur am Leben zu halten, sondern diese auch weiterzuentwickeln?

 

Ja, Software wie jene der Inventardatenbank lässt sich – mit einiger Mühe und mit gewissen Risiken - sichern. Aber die aktuellen Anforderungen verändern sich: Was gestern als Informationsdepot für wenige Forschende angelegt worden ist, will heute einem breiten Museumspublikum sichtbar und zugänglich gemacht werden – und idealerweise vernetzt sein mit ähnlichen Beständen regional– wie international. Wir verstanden sehr rasch, dass dies lokal nicht leistbar war. Und hier kam die Initiative des Landes über das Museumsmanagement Niederösterreich gerade recht:

  • Unser Part ist, die umfangreichen Bestandsdaten so aus dem bestehenden (alten System) zu exportieren, dass sie in ein neues Datenbanksystem übertragen werden können, welches langfristig datentechnisch durch das Museumsmanagement Niederösterreich betreut wird;
  • DIP, das digitale Inventarisierungsportal des Museumsmanagement Niederösterreich, wiederum stellt unserem Museum für dessen neue, noch im Entstehen begriffene Website diese Daten so zur Verfügung, dass wir einen vollwertigen Katalog unserer ausgewählten Objekte online frei verfügbar machen können, und
  • zusätzlich sind unsere Bestandsdaten sowohl im niederösterreichischen Museenverbund, im Kulturpool Österreich wie auch international (insbesondere auf europäischen Ebene mit Europeana) sichtbar.

Es ist ein Geben und Nehmen

Wie immer im Leben, gilt auch in diesem speziellen Falle: "Von Nix kommt Nix". Oder, etwas hübscher fomuliert, kein Angebot kommt ohne Anforderungen.

Für uns vom Ottob Berger Heimatmuseum bedeutet dies, dass wir uns eingehend mit den folgenden Fragestellungen zu beschäftigen hatten:

  • Welche sind unsere technischen Hürden für die Übertragung der Daten?
  • Was wollen wir für uns daraus machen? und:
  • Kann DIP das leisten?

 

Unsere großen drei Herausforderungen

1. Wie geht das?

Die technischen Aufgaben beschäftigen uns nun schon seit einiger Zeit. Ein doch sehr umfangreiches wie komplexes Datenbanksystem so "aufzubohren", dass wir einen sinnvollen Export an DIP aufbereiten können, ist keine triviale Angelegenheit. Ohne professionelle Unterstützung – in unserem Fall durch einen professionellen IT-Experten im internen Team – geht das nicht. Aber nach ausführlichen Vorbereitungen sind wir hier nun kurz vor der Übergabe. Mit kleineren weiteren nötigen Anpassungen rechnen wir.

2. Was wollen wir erreichen?

Die wirkliche Herausforderung an uns ist allerdings gar nicht so sehr jene technischer Natur, sondern eine ganz praktische. Wir müssen intern viele Fragen beantworten wie:

  • Was wollen wir eigentlich damit?
  • Was wollen wir unserem Publikum online anbieten?
  • Welche Geschichten können wir über ein lokales Museum erzählen?
  • Wen interessiert dies?
  • Was davon ist interessant für die Gemeinschaft im Dorf?
  • Was ist interessant für die Forschung (weil unser Dorf so viele unterschiedliche Themen bündelt!)

Und letztlich: Wie wird das Museum zur „Plattform“ für alle diese Erzählungen?

3. Wie kann DIP uns dabei gut unterstützen?

  • Können wir unsere Daten gut in die Datenstruktur von DIP integrieren? Wo sind da die nötigen Anpassungen?
  • Wie können wir unsere Daten dann wiederum gut – und genau steuerbar – in unsere Website integrieren?
  • Wie gut funktioniert diese Einbindung auf unserer Website als „Online-Katalog“ für die Besucher*innen unseres Museums?
  • Wie können unsere Nutzer*innen (sowohl das allgemeine Publikum, aber auch Expert*nnen) darüber hinaus zwischen unseren lokalen Daten, regionalen Beständen in Niederösterreich sowie international über Europeana hin- und herrecherchieren?

 

Eine große Reise ins Unbekannte

"Fragen über Fragen. Wir verstehen dieses Vorhaben als eine große Einladung und erleben es als eine große Reise in bislang unerforschte Perspektiven. Das zu erschließen finden wir toll! Wir erwarten eine nicht immer ganz einfache Reise. Das Ziel allerdings ist klar: Wir wollen jene Geschichten erzählen, welche unsere Dorfgeschichte so wunderbar machen!"

Darauf, wie es weitergeht, welche Erfolge wir auf dieser Reise feiern, welche Irrwege wir vielleicht unternehmen, sind wir schon sehr gespannt! Und erzählen davon gerne in weiteren Episoden auf diesem Blog. 
Wir freuen uns auch auf den Austausch mit anderen Museen: kontaktieren Sie uns gerne!

 

Text: Rüdiger Wischenbart

 

 

Weiterführende Links

Otto Berger Heimatmuseum Bernhardsthal
DIP, das Digitate Inventarisierungsportal
Kulturpool Österreich
Europeana