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Museumsmanagement Niederösterreich, Foto: Katrin Vogg

Bildung, Bürger und Nation: Stadtmuseen im 19. Jahrhundert

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Wie kam es zur Gründung der ersten Stadtmuseen? Wer waren die Museumsmenschen, die dahinterstanden? Waren die Gründungsgeschichten im europäischen Vergleich ähnlich oder gibt es große Unterschiede? Was sammelte man und warum? Und was müssen Stadtmuseen heute leisten?

Diesen und ähnlichen Fragen widmete sich die Tagung "Bildung, Bürger und Nation. Stadtmuseen im 19. Jahrhundert" am 3. und 4. Oktober 2019 in Wiener Neustadt, durchgeführt von der Donau-Universität Krems in Kooperation mit dem Institut für Österreichkunde. Etwa 80 Teilnehmende lauschten den Ausführungen der internationalen Vortragenden. Anlass war das FTI-Projekt „MuseumsMenschen“, das gemeinsam mit dem Museumsmanagement Niederösterreich die Gründungsgeschichte der zehn ältesten Stadtmuseen in Niederösterreich erforscht: Bei diesen Museen handelt es sich um das Rollettmuseum Baden, das Stadtmuseum Wiener Neustadt, das Museum Retz, das Stadtmuseum Korneuburg, das Stadtmuseum St. Pölten, das Stadtmuseum Melk, das museumkrems, das Krahuletz-Museum Eggenburg, das Zeitbrücke-Museum Gars am Kamp und das Stadtmuseum Zwettl: Fast alle waren bei der Tagung auch vertreten.

Univ.-Prof. Dr. Anja Grebe, Projektleiterin an der Donau-Universität Krems, begrüßte die Tagungsteilnehmenden und verkündete erfreut die geglückte Verlängerung des Projekts "MuseumsMenschen" bis Februar 2020. Mag. Hermann Dikowitsch, Leiter der Gruppe Kultur, Wissenschaft und Unterricht im Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Univ.-Prof. Dr. Ernst Bruckmüller vom Institut für Österreichkunde, Mag. Ulrike Vitovec, Leiterin des Museumsmanagement Niederösterreich und der Wiener Neustädter Stadtrat Franz Piribauer sprachen Grußworte.

In ihrem einleitenden Vortrag bot Mag. Dr. Celine Wawruschka einen gelungenen Überblick über die Entwicklung der niederösterreichischen Stadtmuseen im Zeitalter des ersten Bürgertums bis zum Beginn des ersten Weltkriegs. Zumeist angeregt durch bürgerliche Privatsammlungen oder Kuriositätenkammern in Rathäusern dienten die frühen Museen vielen Zwecken: sie halfen, Identität zu schaffen, boten dem Stadtbürgertum eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung durch Objektspenden und sollten mitunter durch ethnische Abgrenzung die Heimatliebe stärken.

Ein Blick über die Grenzen

Dr. Gesa Büchert vom Kunstpädagogischen Zentrum Nürnberg und der Universität Erlangen-Nürnberg sorgte für einen Blickwechsel auf die nahe Umgebung: in ihrem Vortrag "Sammelwut und Staatsräson – Die Gründer fränkischer Ausstellungslokale in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts" zeigte sie auf, dass auf heute bayrischem Gebiet die Entwicklung trotz vieler Parallelen etwas anders von Statten ging: hier wurde die Gründung historischer Vereine von König Ludwig I. mittels eines Erlasses vorgeschrieben.

Der Leiter des Krahuletz-Museums in Eggenburg, Dr. Johannes M. Tuzar, veranschaulichte das Leben und Schaffen des Museumsgründers Johann Krahuletz. Zuvor als Büchsenmacher und Eichmeister beschäftigt, machte er sich dank seines Eifers als Feldforscher und Sammler in der Paläontologie und Frühgeschichte schnell einen großen Namen. Dr. Tuzar bot auch einen Einblick in die Verbindungen zwischen Krahuletz und anderen Museumsmenschen, denn, wie das FTI-Projekt beweisen konnte, war bislang nur ein Bruchteil der Kontakte von Krahuletz zu Wissenschaftern, Forschern und anderen Sammlern bekannt gewesen.

Mag. Eveline Klein, Leiterin des Museums St. Peter an der Sperr in Wiener Neustadt, gab nach einer Führung durch die momentan in ihrem Haus gastierende Niederösterreichische Landesausstellung Einblicke in die 200jährige Geschichte der städtischen Sammlung und skizzierte, mit welchen Herausforderungen das Museumsteam bei Umzug und Renovierungen im Museum St. Peter an der Sperr zu kämpfen hatte.

Am zweiten Tag der Veranstaltung begrüßte Mag. Martina Höllbacher, Leiterin der Abteilung Wissenschaft und Forschung im Amt der Niederösterreichischen Landesregierung die Tagungsgäste und betonte, dass das Themenfeld der niederösterreichischen Sammlungen und ihrer Erforschung und Bewahrung auch in Zukunft bei den FTI-Programmen einen Schwerpunkt bilden soll.

Crowd-Sourcing im 19. Jahrhundert

In ihrem Vortrag "Organisiertes Sammeln - Museumsvereine im 19. Jahrhundert"  berichtete Univ.-Prof. Dr. Anja Grebe, Projektleiterin an der Donau-Universität Krems, über die Entstehung des Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und zog damit den internationalen Vergleich in eine größere Breite. In Nürnberg wurde gleichzeitig mit der Museumsgründung auch eine Aktiengesellschaft gegründet. Aufbauend auf einer Privatsammlung konnte das Museum durch 450 Pflegschaften, die entweder Objekte oder Barschaften spendeten, rasch wachsen. Diese Herangehensweise des Germanischen Nationalmuseums bezeichnete Dr. Grebe als "frühe Crowd-Sourcing-Kampagne", die durch die Spendenlisten heute auch einen großartigen Einblick in die Sozialprofile einzelner Ortschaften zulässt.

Mag. Rocco Leuzzi von den Landessammlungen Niederösterreich in St. Pölten referierte über die Bestandsbildung der volkskundlichen Sammlung des Niederösterreichischen Landesmuseums. Ganz im Gegensatz zu anderen Kronländern gaben in Niederösterreich erst die aufkommenden Stadtmuseen den Anstoß zur vergleichsweisen späten Gründung eines Landesmuseums. Dafür war recht schnell eine Sammlungsstrategie zurechtgelegt worden. Der Grundstock für die volkskundlichen Sammlungen der niederösterreichischen Landessammlungen wurde durch zwei Privatsammlungen gestellt. Ergänzt wurden diese durch geplante Sammelfahrten, bei denen sehr gezielt einzelne Objekte zugekauft wurden.

Nach einer Kaffeepause skizzierte PhDr. Jiří Kacetl vom Südmährischen Museum in Znaim die 140 Jahre lange Geschichte des Museums an der niederösterreichisch-mährischen Grenze. Er betonte, dass es in der Museumsgeschichte und Sammlungsentwicklung kaum Unterschiede zwischen Österreich, Böhmen und Mähren gab. Auch in Znaim gab es einen "MuseumsMensch": Anton Krubka, dank dem das Museum nach langer Herbergssuche schlussendlich in die Burg übersiedeln konnte.

Innenschau ...

Prof. Dr. Martin Hochleitner vom Salzburg Museum blickte in seinem Vortrag "Innenschau – Was dem Museum eine Seele und eine Zukunft in der Gesellschaft verleihen kann" nicht nur in die Vergangenheit. Er berichtete von dem Findungsprozess, den das Salzburg Museum auf seiner Suche nach Identität, Verankerung und zukünftiger Relevanz in den letzten Jahren durchlaufen hat. Interne, emotionale Diskussionen über die Zeit des Nationalsozialismus und den Umgang mit diesem Kapitel im Museum in der damaligen Zeit haben, so Dr. Hochleitner, dem Museum nicht nur eine äußerst erfolgreiche Ausstellung, sondern auch Identität und Haltung geschenkt und damit auch das Museumsleitbild beeinflusst. Aktives Zurückblicken auf historische Zusammenhänge im eigenen Museum, Provenienzforschung, Inklusion und Nachhaltigkeit sieht er als ganz zentrale Themen unserer Zeit, mit denen Museen sich befassen sollten.

... und Ausblicke

Dr. Matthias Henkel aus Berlin referierte in seinem Vortrag "Macht.Museum.Identität – Das Stadtmuseum als Möglichkeitsraum kultureller Überlappungen" über die Entwicklungsgeschichten unterschiedlicher deutscher Museen, theoretische Strömungen und aktuelle Schlagworte. "Wer macht für wen das Museum?" ist für ihn eine der zentralen Fragestellungen. In der Selbst(er)findung des Stadtmuseums sieht er teils institutionelle Überforderung. Einst als Stätten der Volksbildungsbewegung genutzt, wurden Museen in den 2000er Jahren zum Lernort, sollten kurz darauf Migration und Integration in den Mittelpunkt stellen und sich heute nicht nur um Provenienzforschung und Dekolonisierung kümmern, sondern neuerdings auch fester Bestandteil des "City Branding" sein und digitale Dependancen erhalten. Wie das gehen soll? - "Die Beweglichmachung des Museums ist das Entscheidende", meint Dr. Henkel.

DI Martin Reitschmied und Univ.-Prof. Dr. Anja Grebe von der Donau-Universität Krems stellten abschließend eines der Ergebnisse des FTI-Projekts vor: die „MuseumsMenschen“-WebApp. Mit ihr kann man "mit den Gründerinnen und Gründern durchs Museum" spazieren und sich mit einzelnen Museumsmachern im Chat unterhalten. Sogar Fotos, Videos und Tondokumente können eingebaut werden. Genutzt werden kann die App, dank der webbasierten Programmierung, bald sowohl mit Stand-PC zuhause als auch auf dem Mobiltelefon von unterwegs oder direkt im Museum.

Den Tagungsabschluss bot ein gelungenes Resümee aller Vorträge von Univ.-Prof. Dr. Ernst Bruckmüller vom Institut für Österreichkunde, der die Mischung aus strukturell-regionalen und individuellen Beiträgen nochmals hervorhob und auch dazu anregte, an einzelne Vortragsinhalte zukünftig anzuknüpfen.