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Projekt „MuseumsMenschen“: Zeitrahmen und Arbeitsmethoden

MuseumsMenschen

Der Zeitrahmen

Der Zeitrahmen des Projekts lässt sich, nach Eric Howbsbawm (1917–2012), einem britischen Historiker österreichischer Abstammung, mit dem sogenannten langen 19. Jahrhundert festmachen. Hobsbawm datiert dieses lange 19. Jahrhundert nach den zwei Ereignissen, die seinen Beginn und sein Ende prägten: die Französische Revolution 1789, in deren Zuge erstmals das Bürgertum die Vorherrschaft des Adels gebrochen hatte, und den Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914, der grundlegende politische und gesellschaftliche Veränderungen auslöste. Dieses lange 19. Jahrhundert war vom Fortschrittsgedanken geprägt, von der Säkularisierung – der Trennung von Kirche und Staat –, der Rationalisierung und der Industrialisierung, die schließlich in der Entwicklung von Nationalstaaten und einem Demokratisierungsprozess endeten. Grundlage all dieser Veränderungen war die Aufklärung, die nicht nur zur Verbürgerlichung der Gesellschaft führte, sondern auch erstmals Wissenschaft und Bildung breiteren Gesellschaftsschichten zugänglich machte.

 

Und hier setzt das Projekt MuseumsMenschen an: Anhand der zehn ältesten Stadtmuseen Niederösterreichs – dem Krahuletz-Museum in Eggenburg, dem Rollett-Museum in Baden, den Stadtmuseen Korneuburg, Krems, Melk, Retz, St. Pölten, Wiener Neustadt und Zwettl sowie dem Zeitbrückemuseum in Gars am Kamp – lässt sich dieses Phänomen, die Öffnung von Bildung und Wissenschaft für das Bürgertum, aufzeigen.

 

Die Methode

Die Methode, mit der ich dieses Phänomen darstelle, ist die sogenannte soziale Netzwerkanalyse. Diese befasst sich mit den Beziehungen zwischen Akteuren – das können Einzelpersonen, aber auch Organisationen wie Vereine und Gesellschaften bis hin zu Staaten sein. Hier werden nicht die einzelnen Akteure in den Mittelpunkt gestellt, sondern deren Beziehung zueinander. Ziel der sozialen Netzwerkanalyse ist es, die Beziehungen zwischen den Akteuren aufzudecken und zielführend zu interpretieren.

Was sich kompliziert anhört, lässt sich einfach veranschaulichen, wenn wir einen Perspektivenwechsel vornehmen und in die Rolle von Fernsehkommissaren schlüpfen, deren Methoden im Grunde genommen dieselben sind: Im Mittelpunkt meiner Analyse stehen die MuseumsMenschen, die Gründer und Betreiber der Sammlungen bzw. Museen. Sie sind meine POI, Person of Interest, und stehen sozusagen im Mittelpunkt meiner Ermittlungen.

 

Einblicke: ein Anschauungsbeispiel

Nach zwei Monaten Forschungsarbeit am Rollett-Museum in Baden kann ich diese Methode bereits anhand eines Beispiels veranschaulichen: Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht Anton Rollett (1778–1842), der Gründer der Sammlungen des heutigen Rollett-Museums in Baden (Abb. 1). Da uns seine Rolle als Sammler interessiert, bilden seine Sammlungen den Ausgangspunkt: eine Sammlung medizinischer Präparate, ein Herbarium, eine reichhaltige zoologische Sammlung (von Säugetieren und Vögel über Conchylien, Reptilien und Insekten), eine „Sammlung weiblicher Handarbeiten“, eine Münz- und Medaillensammlung, eine Daktylothek, Gemälde aus dem Schönfeld’schen Museum, Teile der Fossiliensammlung von Gregor Graf Rasumofsky, die Schädelsammlung Dr. Galls und natürlich eine Bibliothek. Bereits hier ergeben sich erste Verbindungen, da Anton Rollett Sammlungen bzw. Bestandteile davon von anderen Sammlern übernommen hatte. Johann Ferdinand von Schönfeld (1750–1821), u.a. Kunstsammler, besaß seit 1805 ein Haus in Baden und hatte auf eigene Kosten die Ruine Rauhenstein als romantisches Ausflugsziel herrichten und Spazierwege zu ihr anlegen lassen. Die Gemälde aus der Schönfeld‘schen Sammlung wurden offenbar im Rahmen der Hinterlassenschaft an Anton Rollett im Jahr von Schönfelds Tod übermittelt. Gregor Kyrillowitsch Rasumofsky, Geologe und Mineraloge, Begründer der späteren Geologischen Bundesanstalt, hatte 1820 und 1821 Ausgrabungen am Badener Kalvarienberg durchgeführt.

Projiziere ich nun die Sammlungen Anton Rolletts auf eine Zeitleiste und trage in diese – entnommen der Badener Kurliste, einem Verzeichnis der Kurgäste, das seit 1805 jährlich veröffentlicht wurde sowie weiteren Publikationen über „berühmte Besucher Badens“ –, so ergeben sich hier thematische und zeitliche Übereinstimmungen (Abb. 2). Schlage ich wiederum die wissenschaftlichen Publikationen dieser Badener Kurgäste, die teils bei Anton Rollett selbst zu Gast waren, nach, so finden sich hier von eben diesen Kurgästen bzw. späteren Anrainern einschlägige fachspezifische Werke bzw. solche mit Bezug zu Baden:

  • Rupert Helm, Verzeichniß derjenigen Obstsorten, welche sowohl hochstämmig, als auch in Zwergform als Pyramiden- und Spalierbäume im herrschaftlichen Garten zu Leesdorf nächst der Stadt Baden in Unterösterreich gezogen werden. Wien, 1822.
  • Josef Christian Auracher von Aurach, Ausführliche Beschreibung zu den nach der Natur quarreographierten, und auf Stein gezeichneten perspectivischen Ansichten der landesfürstlichen Stadt Baden und derselben Umgebung, 2 Bände, Wien 1822–1823.
  • Johann Baptist Rupprecht, Über das Chrysantheneum Indicum: seine Geschichte, Bestimmung und Pflege. Ein botanisch-praktischer Versuch. Wien, 1833.

Füge ich die handschriftlichen Verzeichnisse und Vortragsmanuskripte hinzu sowie die Publikationen Anton Rolletts, entsteht ein Eindruck von der gegenseitigen Inspiration und einem wissenschaftlichen Austausch – den wir allerdings bis zu diesem Punkt annehmen.

Anhand eines Gastes, Dr. Karl von Schreibers, möchte ich nun auf das soziale Netzwerk zurückkommen: Karl von Schreibers (1775–1852) ist in der Kurliste des Jahres 1816 im Haus von Anton Rollett gemeldet, ab 1830 war er Hausbesitzer in Baden. Wer war nun Karl von Schreibers? In seinem biographischen Abriss interessieren uns in erster Linie seine wissenschaftlichen Tätigkeiten und Interessen. Bereits im Alter von 17 Jahren veröffentlichte Schreibers den „Versuch einer vollständigen Conchilienkunde nach Linné“. Von 1793 bis 1795 studierte er in Wien Arzneikunde und war gleichzeitig Gehilfe von Franz Joseph Gall (1758–1828), dem Begründer der sog. Phrenologie, dessen Lehre er auch unter seinen Studienkollegen verbreitete. Ab 1798 praktizierte er als Arzt in Wien und unternahm ausgedehnte Reisen in Europa, bis er 1801 Assistent bei Peter Jordan, Professor für Naturgeschichte an der Universität Wien, wurde. 1806 wurde Schreibers schließlich zum Leiter der k. k. Hof-Naturalien-Cabinete, dem Vorgänger des heutigen Naturhistorischen Museums in Wien, bestimmt. Im Rahmen dieser Tätigkeit bereicherte er die Mineralien- und Conchiliensammlung beträchtlich, führte Reptilienforschung durch, veranlasste eine Neuaufstellung der Vögel- und Säugetiersammlung und veranstaltete Vorlesungen im Naturalienkabinett.

In diesem biographischen Auszug Karl von Schreibers ergeben sich weitere Querverbindungen zu Anton Rollett:

  • die Conchilienkunde: Anton Rollett sammelte seinerseits Conchilien, die er ab 1812 in dem eigens dafür angefertigten „Insektenkasten“, der heute noch im Rollett-Museum bewundert werden kann, verwahrte,
  • die Anwendung der Linnéschen Ordnung, nach der auch die botanischen und zoologischen Verzeichnisse Anton Rolletts geordnet sind, sowohl in den wissenschaftlichen Arbeiten als auch in der Aufstellung der Sammlungen,
  • die Tätigkeit als Arzt,
  • und schließlich – und hier wird das soziale Netzwerk zu einer weiteren Person ausgebaut – Franz Joseph Gall, dessen Schädelsammlung Anton Rollet zum Großteil im Jahr 1825 erwerben konnte.

Diese Querverbindungen werden in der Korrespondenz und im Gästebuch des Museums, das Anton Rollett seit der Öffnung seiner Sammlungen im Jahr 1810 aufgelegt hatte, beide im Stadtarchiv Baden, bestätigt. Es liegen nicht nur Briefe von Karl von Schreibers an Anton Rollett vor, er wird auch in der Korrespondenzen Anton Rollets mit Andreas Streicher, der die Schädelsammlung Dr. Galls an ihn vermittelte, und seinem Sohn Carl Rollett, der am Transport dieser Sammlung von Wien nach Baden maßgeblich beteiligt war, erwähnt. Im Briefverkehr mit Carl Rollett bestätigt sich die Verbindung zu einer weiteren Person, die bereits durch das Studium und Berufsbild des Arztes von Anton Rollett und Karl von Schreibers vermutet werden konnte: Nikolaus Joseph von Jacquin (1727–1817). Beide, Rollett und Schreibers, haben seine Vorlesungen besucht, beide waren mit ihm nach ihren Studienjahren befreundet.

 

Ausblick

Auf diese Weise hat sich durch die Beziehung zu einer einzigen Person ein kleines Netzwerk ergeben, in das zwei weitere Personen involviert sind (vgl. Abb. 3). Wenn Sie sich nun vorstellen, dass ich auf Grundlage der Kurlisten, Publikationen, Korrespondenzen, Inventare, Spendenlisten und Einträge ins Gästebuch die Beziehungen zu den übrigen Personen, mit denen Anton Rollett in den Angelegenheiten seiner Sammlungen und Forschungen zu tun hatte, darstelle und analysiere, können Sie sich vielleicht schon ein Bild dieses sozialen Netzwerks machen. Weil ich aber mit dieser Methode auch die Gründer und Betreiber der übrigen neun niederösterreichischen Stadtmuseen durchleuchte, werden wir als Resultat einen Ausschnitt aus der niederösterreichischen Wissenschaftsgeschichte des langen 19. Jahrhunderts erhalten, die weit über die regionalen Grenzen hinausreicht.

Text: Celine Wawruschka

Abbildungsunterschriften:

Abb. 1: CSI MuseumsMenschen

Abb. 2: Zeitleiste der Sammlungen Anton Rolletts: Auswahl von Kurgästen und Bewohnern von Baden mit wissenschaftlichem Hintergrund

Abb. 3: Das soziale Netzwerk, das sich aus der Verbindung Anton Rolletts mit Karl von Schreibers ergibt

Abb. 4 und 5: Quellengrundlage für das Projekt MuseumsMenschen: Für jede dieser Quellen, die hier in zwei großen Gruppen zusammengefasst sind, erstelle ich ein soziales Netzwerk. Da die Datengrundlage nicht in jedem der Museen gleichartig ist, projiziere ich abschließend die einzelnen Netzwerke übereinander, wodurch sich zusätzliche Informationen ergeben, indem „Lücken“ (die fehlenden Kontakten entsprechen) in den einzelnen Netzwerken durch andere abgedeckt werden.

 

Abbildungen: Celine Wawruschka, Donau-Universität Krems