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Geschichte jüdischer Familien im Waldviertel

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Deportationsbefehl für Ella Biegler, 7. Oktober 1941; Sammlung Polleroß, Foto: Friedrich Polleroß

Deportationsbefehl für Ella Biegler, 7. Oktober 1941; Sammlung Polleroß, Foto: Friedrich Polleroß

Jüdische Familien und ihr Schicksal

WIR HABEN GELEBT WIE ALLE ANDEREN LEUTE

Anlässlich des 80. Jahrestags des „Anschlusses“ Österreichs an Hitlerdeutschland bietet das Museum für Alltagsgeschichte in Neupölla einen Einblick in das Schicksal der jüdischen Bevölkerung des Waldviertels.

 

Eindrucksvoll schilderte André Heller am 12. März 2018, Anlass war die Gedenkveranstaltung zum 12. März 1938 – dem sogenannten Anschluss –, was in den Morgenstunden jenes Tages in seinem Elternhaus passierte. Sein Vater wurde von drei jüngeren Männern in Polizeiuniform mit Hakenkreuzbinden abgeholt, um ihn in „Schutzhaft“ zu nehmen. Seiner Mutter wurde der gesamte Schmuck abgenommen. Auf dem Weg zum Polizeigefangenenhaus wurde Stephan Heller gezwungen, sich an einer sogenannten „Reibpartie“ vor dem Theresianum zu beteiligen – er musste mit einer Zahnbürste Aufrufe zu der Volksabstimmung für ein freies Österreich wegputzen.

Ansiedlung und Vertreibung

Die Geschichte der Juden im heutigen Österreich ist wechselvoll, geprägt von geplanter Ansiedlung aus wirtschaftlichen Gründen und Vertreibung aus politischen Gründen. Nach der Ausweisung im Jahr 1670 aus Wien und dem „flachen Land“ (damit ist das heutige Niederösterreich gemeint) war ihnen die Ansiedlung ebenda bis 1848 verwehrt. Die Teilnahme am Handel auf den Jahrmärkten in Krems, Laa, Retz und Mistelbach war allerdings schon 1673 wieder möglich. Der „Pinkeljud“, der im Hausierhandel tätige Jude, findet sich in der Literatur als Volkstype wieder.

Eine tiefgreifende Änderung dieser Verhältnisse wurde mit der Revolution 1848 möglich, die Emanzipationsbestrebungen der Juden hatten Erfolg und 1849 wurden sie den Christen in staats- und privatrechtlicher Sicht gleichgestellt. Obwohl dieses Patent 1851 wieder außer Kraft gesetzt wurde, vermied man es, zu den Zuständen des Vormärz zurückzukehren. Die endgültige Gleichstellung erfolgte erst mit dem Staatsgrundgesetz 1867, das Rechtsgleichheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie die Unverletzlichkeit des Eigentums garantierte. 

Gründung von Kultusgemeinden

Schon 1832 war Josef Schlesinger als fahrender Händler im Bezirk Horn tätig, nach 1848 war es ihm dann möglich, sich als Kaufmann in Altenburg niederzulassen. In vielen Dörfern und Kleinstädten siedelten sich jüdische Familien an, waren als Landprodukten-, Leder-, Vieh- und Textilhändler in den Bezirksstädten, Gemischtwarenhändler in den Dörfern, als Ärzte, Apotheker und Juristen tätig. Fühlten sich viele in den Anfängen noch ihren Kultusgemeinden im Grenzraum verbunden, so organisierten sie sich aufgrund der Entfernungen doch bald ihre Betgenossenschaften vor Ort und suchten in weiterer Folge um die Gründung von Kultusgemeinden bei den Behörden an. Im Waldviertel waren die Sitze der Gemeinden in den Bezirkshauptstädten Krems, Horn und Waidhofen an der Thaya. So konnte sich in den Zentralorten ein gewisses Maß an religiösem Leben entwickeln, es wurden Synagogen und Friedhöfe eingerichtet, Rabbiner und Religionslehrer wurden für die Kultusgemeinden bestellt, wobei die Waldviertler Kultusgemeinden zum Teil von den mährischen Gemeinden mitbetreut wurden oder gemeinsam einen Rabbiner bestellten.

Elsa Sensel, geboren 1907 in Rodingersdorf, deren Vater als Lederhändler und Schuhmacher in Eggenburg tätig war, beschreibt 1996, in Caracas, Venezuela lebend, ihre Zeit in Eggenburg im Rückblick: „Wir haben in Eggenburg gelebt wie alle Anderen Leute […] Wir waren Oesterreicher, mit juedischer Religion, die wir nicht ausgeuebt haben und glaube ich, dass wir beliebt waren, wie aus dem plaudern mit Frau Rosina Lintinger, die ich im Vorjahr traf, hervor gegangen ist.“ 

„Unangenehme Strömung“ 

Schon 1882 schrieb der Unternehmer Raphael König aus Retz folgende Beobachtung in seinem Tagebuch nieder: „Eine unangenehme Strömung gegen unsere Glaubensgenossen machte sich bemerkbar. [..] Es wurde, Gott sei Dank, die ganze Angelegenheit durch Widerlegung von verschiedenen Seiten unter der Benennung ‚Antisemitische Bewegung‘ als dem 19. Jahrhundert unwürdig und als abscheulich im Keime erstickt.“ Georg Ritter von Schönerer sprach im selben Jahr bei einer Wählerversammlung im Waldviertel: „[…] Wir sind berechtigt, entsprechende Reformen auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet zu verlangen, und sollen den Mut haben, zu erklären, dass wir uns nicht von privilegierten Ständen und nicht von Leuten beherrschen lassen wollen, die weder unseres Stammes noch unseres Glaubens sind; und entschlossen sollen wir sein, alle gemeinschädlichen, fremden Elemente aus unseren Reihen ferne zu halten.“

In den Fokus der Berichterstattung des „Boten aus dem Waldviertel“, herausgegeben vom Druckereibesitzer Ferdinand Berger, der sich mit der Politik Schönerers identifizierte, geriet zunehmend auch die jüdische Bevölkerung. Es wurden dabei selten konkrete Namen genannt im Zusammenhang mit Kleinkriminalität und Anschuldigungen wie Preistreiberei und Arbeitsscheu, gesprochen wurde meist von den „hier domicilirenden Juden“, die Wendungen, die Hervorhebung durch den gesperrten Druck sollte alle hier wohnenden Bürger mosaischer Konfession diskreditieren. 

Über Jahrzehnte hinweg wurde immer wieder gegen die jüdischen Bürger und Bürgerinnen gestichelt, agitiert, ihnen wurde die Zugehörigkeit abgesprochen. Erst waren ihre Gegner nur eine Randgruppe. Doch mit den zunehmenden Schwierigkeiten des Alltags – die Folgen des Ersten Weltkriegs, die Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und vieles mehr – kam die Argumentation der Randgruppe immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an. Mit der Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich begann einerseits die Übernahme von jüdischen Betrieben durch Mitbewerber und andererseits auch die Liquidierung solcher Geschäfte im Sinne der „Marktbereinigung“.

Die Enkelinnen des Josef Schlesinger, Auguste, Emmy und Josefine, mussten das Geschäft unter Zwang an Ignaz Moder verkaufen, denn sie hatten schon im Juni keine Verdienstmöglichkeit [mehr], da das Geschäft unter Boykott steht und arisiert werden soll“. Es gelang ihnen, nach England auszureisen. Vielen anderen ist dies nicht gelungen, und sie wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Erich Kästner wird oftmals mit folgenden Worten zitiert: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens bis 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät.“ 

Text: Eva Zeindl

Rede André Hellers nachzulesen auf:
www.bundespraesident.at/fileadmin/user_upload/ Gedenkrede_Andre_Heller.pdf

 

INFORMATION

Jüdische Familien im Waldviertel und ihr Schicksal
Sonderausstellung im Ersten österreichischen Museum für Alltagsgeschichte
3593 Neupölla 10
Öffnungszeiten: 1.5. – 30.9.2018,
So und Fei 14 – 17 Uhr
www.poella.at/Museum

 

Schaufenster Kultur.Region


Dieser Beitrag ist im Schaufenster Kultur.Region in der Ausgabe Mai 2018, Seite 36-37 erschienen. Das PDF der Ausgabe finden Sie hier, außerdem können Sie das Archiv durchblättern.

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